296
VEBMAHLUNG DEB H. CATHABINA
und zu Pilatus geschleppt. Es folgen die Geisselung, dieKreuztragung und die Kreuzigung, und weiter wieder all-mählich nach dem Hintergründe zu sich verlierend die Auf-erstehung, die Höllenfahrt, die Erscheinung vor Magdalenaund das Gastmahl zu Emmaus .
Hunderte von Figuren kann man auf diesem wunder-baren Miniaturbilde zählen, alle überaus fein ausgeführtund im Farbenglanze strahlend. Die Bewunderung wächstin dem Maasse, als man die Einzelnheiten jeder Scene ein-gehend prüft; doch muss man zugeben, dass die Wirkungdurch die Einbussen an wesentlichen, künstlerischen Eigen-schaften immerhin zu theuer erkauft wird. Die Wirkungbesteht darin, dass das Bild gleich einer Chronik eineBeilienfolge von Thatsachen erzählt; eingebüsst wird dieEinheit der Composition und die geschlossene und dadurchvertiefte Empfindung. Dem Yolksgeschmack im Kordensagten solche chronicalische Darstellungen aber in so hohemGrade zu, dass ein Künstler selbst im Falle besserenWissens sich kaum von denselben hätte lossagen können.Vermählung Ungefähr zu gleicher Zeit mit dem Altarbilde für died ' '’rina.^Capelle der Buchhändler vollendete Memling auch die Ver-mählung der h. Katharina, welches Werk am Anfänge diesesCapitels erwähnt wurde. Dasselbe eignet sich noch besserzum Ausgangspunkte des Urtheils über Memling’s Kunst-weise als das Danziger jüngste Gericht und die Turiner sieben Schmerzen, da über seinen Ursprung- kein so schweresDunkel waltet, Memling’s Autorschaft zweifellos dasteht.
Auch in der Vermählung der h. Katharina nun sehenwir dem Hauptacte eine grössere Zahl von Episoden bei-geordnet, das Gemälde in eine Art Bilderchronik verwan-delt. Scenen aus dem Leben des Täufers und des Evan-gelisten Johannes füllen den landschaftlichen Hintergrund;sie sind nicht etwa nur flüchtig angedeutet, einzelnewenigstens, wie z. B. der Tanz der Tochter Herodias vollendetausgearbeitete Compositionen. Kein Zweifel, dass dieselben