362
seltsamen Stilwechsels ist der Meister von Oalcar, dessenBilder in seiner Heimathskirclie zeigen, wie gewandt er dieältere flandrische Kunstweise zu behandeln wusste. Nachseiner italienischen Reise hatte er sich aber in die venetia-nische Kunst so sehr hineingelebt, dass nach Yasari’s Be-richte seine Bilder mit jenen Tizian’s und Giorgione’s ver-wechselt wurden.
Wir erblicken darin einen hässlichen Abfall von derheimischen Kunst und tadeln heftig die Ueberläufer in dasitalienische Lager. Wir vergessen dabei, dass den nieder-ländischen Malern die frische Selbständigkeit, die Kraft derInitiative bereits mangelte, ehe sie noch die Bekanntschaftmit den italienischen Mustern machten. Auch die bei derheimischen Sitte blieben, waren nur Nachahmer, blicktenzurück auf Yan Eyck und Memling und verzichteten auf jedeOriginalität. Das deutet auf eine geschwächte Lebenskraftund erklärt den Wechsel in der Kunst, der iih sechszehntenJahrhunderte so rasch und so widerstandslos eintrat.
Der Ruhm, welchen G-erard als Miniaturmaler genossund sein Yornamen rechtfertigen die Frage, ob er nicht ander Ausschmückung des Breviers Grimani mit Memling undLievin von Antwerpen Antheil genommen habe, ob er nichtmit dem „Gerard von Gent“, welchen der Anonymus alsdritten nennt, Zusammenfalle?
Die neuere Forschung hat diese Frage verneint und indem „Gerard von Gent“ den Gerard Horenbout , dessenTochter Susanna die Bewunderung Dürer’s durch ihr Maler-talent erregte und welcher selbst unter die berühmtestenMiniaturmaler seiner Zeit — er musste bereits am Schlüssedes fünfzehnten Jahrhunderts im reifen Mannesalter stehen —gerechnet wurde, erkannt . 1
1 Harzen im Archiv f. z. IC IV. 3hat die Ansprache des G-erard Horen-bout (der Name wird von den älterenSchriftstellern ganz willkürlich ge-schrieben) am stärksten betont. Die