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rein gothischen Bauten auftreten, sind bis in die zweite Hälfte desJahrhunderts hinein noch überwiegend von romanischen Stylgedcmkenabhängig. Theils spricht sich darin die Hartnäckigkeit des Kunsthand-werkers aus, der lange noch an den Traditionen des ihm einmal ge-läufig gewordenen Styles festhält, wenn derselbe auch in der großenKunst schon durch neue Formen verdrängt ist, wie denn auch dieGoldschmiede jener Zeit noch während der Herrschaft der Gothik denromanischen Styl mit seinen schmiegsamen und phantasicvollen Formenan ihren Prächtigen Rcliquienschrcinen zur Geltung bringen: andcrn-theils aber ist es der festgehaltene Tcppichcharakter, der die Glasmalereilange von der Herrschaft des gothischen StylcS frei erhielt. Und dasgeschah zu ihrem Heile; denn so majestätisch das System der gothischenKunst an den großen Bauwerken des 13. Jahrhunderts sich entfaltet,so hat es doch auf die begleitenden dekorativen Künste nicht so wohl-thuend eingewirkt, da es sie bald in den Formalismus seiner abstraktengeometrischen Linienspicle hineinzog und dadurch ihre Originalität unddas Gepräge einer höheren tektonischen Nothwendigkeit, in welcher Stoffund Bestimmung die Hauptfaktoren sind, verwischte. Die Glasmalereihält deshalb mit Recht während der ganzen gothischen Epoche an derfrüheren Auffassung fest, stellt ihre Figuren auf gemusterte Gründeund schließt sie in Medaillonfelder ein, welche in ihrer regelmäßigenWiederkehr den Eindruck gewirkter farbenreicher Teppiche machen. Undselbst da, wo dennoch die Architektur sich einmischt und die einzelnenGestalten unter gothische Baldachine stellt, ahmen diese Formen nichtden Charakter des Steinbaues nach, sondern erheben sich lustig undleicht wie die zierlichen Tabernakel, unter welche die damalige Gold-schmiedekunst ihre Statuetten zu stellen liebte. Auch da also geht dieGlasmalerei der Versuchung auf Plastische Illusion wohlweislich ausdem Wege und bleibt dem Charakter farbiger Flächendckoration mitEntschiedenheit treu. Selbst in der Zeichnung des Ornamentes, nament-lich des Laubwerks, sowie der Figuren wirkt der romanische Styl mit