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Ueber die alten Glasgemälde der Schweiz : ein Versuch / von Wilhelm Lübke
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seiner strengen typischen Auffassung noch lange nach, und die Glas-gemälde der frühgothischcn Kathedralen von Chartres , Bourges u. a.sind größtentheils in ihrer Gesammthaltnng noch romanisch. Erst all-mählich dringt auch hier wie ein neuer Frühling die weiche Anmuth,des gothischen Styles ein; die Gestalten erhalten ein flüssigeres LebenZrhythmische Cadenz in den Bewegungen, sanft geschwungenen Falten-wurf, leise Neigung der lockigen Köpfchen, die meistens einen jugend-lichen Charakter haben, wie denn das Jugendliche diesem Styl zu- !meist am Herzen liegt. Ebenso bringt diese lenzesfrohe Kunst dasLaub der heimischen Flora aus Feld und Wald herbei und schmücktdamit nicht blos die Kapitale ihrer Säulen, sondern auch die Flächenihrer Glasfenster. /

Das Farbcnprinzip der Glasmalerei erhält in dieser Epoche seinereichste und reifste Durchbildung. Es beruht, entsprechend der ge-sammtcn mittelalterlichen Kunst, nicht auf dem Gesetze der Symmetrie,sondern auf dem des rhythmischen Wechsels, der Farbcnverschiebung. Indemselben Fenster z. B. stehen im mittleren Felde die Figuren aufrothem Grunde, in den beiden Scitenfeldcrn auf blauem. Der mittlereBaldachin ist dann vielleicht grün oder blau, während die seitlichenroth sind. In dem gegenüberliegenden Fenster werden diese Farbendann häufig in völlig umgekehrter Anordnung verwendet, durch diesenrhythmischen Wechsel gewinnt die Kunst einen Reichthum des Eindrucks,der nicht auf verschwenderischen Mitteln, sondern auf der weisen Be-nutzung weniger Farbcntöne beruht. Es ist dasselbe Gesetz, welchesden Teppichen des Orients und den Arabesken der Alhambra soistänzendc Wirkungen hervorbringt. Die Hauptfnrbcn sind und bleibenleuchtendes Rubinroth, ein tiefes Blau, daneben in zweiter LinieGoldgelb, Grün, Violett, für die Zeichnung und Schattirung einkräftiges Schwarz und für die nackten Theile eine gebrochene Fleisch-farbe. Neben den figürlichen Fenstern kommen aber auch rein orna-mentale vor, hauptsächlich aus heimischen Blumen und Blättern zusaru-- 2