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„Daß" (sagt der Almanach aus Rom S.120—22.) „Raphaek wiederum da nicht stehenblieb, wohin ihn bis zur Hervorbringung derSchule von Athen Drang nach Licht getriebenhatte, sondern daß er in dem von ihm geschaffenenStyl sich immer kräftiger erhob, davon zeuge» (inder zweyten Stanze des Vatikans) sein Wunderzu Bolsena , Petrus im Gefängnisse, Attila vorRom 63), und vor Allem sein Heliodor; nebstdem Jncendio del Borgo 64) in der dritten. Indiesen herrlichen Schöpfungen allen offenbart sicheine so gewaltige Gradation der Kraft seiner im-mer sich starker entzündenden Phantasie, wie seinesmit Riesenschritten dem Licht zueilenden Ver-standes, daß sein Geist, nur durch das Gefühlzu einem Ganzen zusammengehalten 65),die verschiedenen Kräfte mehrerer Meiischenseclcnvereinigt zu haben scheint. So gewahrt er unsden wahrhaft einzigen, dem Psychologen höchstmerkwürdigen Anblick des allmahligen Hervorgc-hens der höchsten Kraft zu dem sanftesten Gefühl.Die Disput« und der Burgbrand stellen uns ausdie zwey entgegengesetztesten Gränzen aller mensch-lichen, »n Raum pioduzirenden Phantasie. Auchfind es diese vorgenannten fünf Bilder, nebst denvieren in der Stanza della Segnatura, welcheunter Raphaels Werken im Vatikan , zu seinerCharakterisirung als dichtenden und zugleich alsausführenden Künstlers besonders zu nennen sind.Von diesen weiß man es nämlich am Bestimmte-sten, daß nicht sein Geist allein, sondern auch seine ein-zige Hand sie erschuf; und sollten auch einzelne Theilein ihnen von seinen Schülern colvrirt worden seyn,so war er es doch, der ihre Umrisse entworfen,und diesen endlich die letzte Vollendung ertheilte."
Von jenen sünfen wurde zweye, nämlich dasWunder von Bolsena , und der Heliodor 1512.ausgeführt. Die darstellendsten Beschreibungen die-ser, so wie aller übrigen Stanzengcmalde, finde»sich theils bey vasai-i, vornehmlich aber, bis inskleinste Detail, bey Bellori 66). Don dem Meß-opfer bemerkt Füßli (I. 151.), daß es, nebst sei-nen übrigen Schönheiten, auch durch die Lebhaf-tigkeit des Kolorits unter allen größer» Frcscoar-beiten Raphaels sich auszeichne 67); und von,Heliodor fällt Meng» das klassische Urtheil: Mitdiesem Bilde habe Sanzio Alles erwiese», wasdie Malerkunst noch über Michael Angel» hinausleisten konnte. Hören wir über dasselbe noch näherdie Propyläen (I. 2. 82—35 ) an, wo es heißt -
63 ) Von diesen beyden letztgenannten erst in 1514. gen
64) Eben so. Denn das Jncendio wurde vollends erst
„Inder Reihe der großen Wandgemälde im Va tikan , folgt die Geschichte des Heliodor eigentlichauf die Schule von Athen, oder, wenn man lieberwill, aus die zwischen beyden gefertigten Darstel-lungen der Klugheit, Mäßigung und Starke. Inder Vergleichung nun ist Styl und Sinn in demneuen Bilde weit ernster, größer, kühner und ge-waltiger als in jenen ältern, die Behandlung nochleichter und freyer, geistreicher und meisterhafter,als selbst in jenen allegorischen Figuren; die Pin-selstriche sind noch kecker und breiter; daher auchdas Colorit besser, frisch, und mit schöner Ab-wechslung der Lokaltinten. Die Zeichnung kannim Ganzen vortrefflich genannt werden, wenn esgleich hie und da an der Genauigkeit in einzelnenTheilen gebrechen mag. Die Erfindung ist einfach,groß, der Sache ganz angemessen; ein hoher Sinnund ein tiefer Verstand haben sie gemeinschaftlichhervorgebracht. Der so oft getadelte Anachronis-mus, daß ein Papst in den Tempel getragen wird,mag immerhin grob psäffisch seyn; als Anspielungauf die Zeit des Künstlers, und das, was Julius III gethan hat, ist sie zu entschuldigen, wenn es ihrgleich auch sonst noch zu sehr an Bewegung undMannigfaltigkeit fehlt, als daß sie gerade für einMuster gelungener Anordnung gelten konnte. Hin-gegen ist die große Haupigruppc des Bildes vondem erscheinenden Reuter und den zwey Jünglin-gen, welche herbcystürzcn, und den zu Boden lie-genden Heliodor züchtigen wollen, ein Meisterstückdieser Art; leichc, los und frey, ist Alles durch-sichtig, schwebt halb, und scheint sich wirklich vorunscln Augen zu bewegen. Aus der entgegenge-setzten Seite ist der gedrungene Klumpe von Wei-bern und Kindern, welche im Schrecken vor derErscheinung zusammenfahren, nicht weniger lobcns-werth; Licht und Schatten fällt auf jede einzelneFigur in großen schonen Massen; aber diese Mas-sen erstrecken sich nicht über ganze Gruppen oderHaupkparthien des Bildes zu einem allgemeinenEffekt, welchen Raphae! auch nie ernstlich gesuchtzu haben scheint. Alle Falten der Gewänder sindgut, groß, breit, und deute» die Bewegung derFiguren sehr wohl an; allein nach Maaßgabe derleichtern Behandlungsart dieses Bildes sind sienicht so sorgfältig gezeichnet und ausgeführt wiein der Disput«, auch nicht so zierlich wie in derSchule von Athen, machen aber größere Massenund Parthlcn aus 68 )".
Mittlerweile starb Julius II. und Leo X. bestieg
alten s. bald unten das Mehrere.
15-7. gemalt.
65) Was in aller Welt heißt das?
66) Auch Richards»,, III. p 383—399. und 405—8. und Ramdohr I. S. »48—58. und 171-74, verdienenüber diese fünf Darstellungen nachgelesen zu werden.
67) Auch in den Propyläen l- (2.) 83—84. heißt es von diesem Bilde, welches bekanntlich ein Wunder dar-stellt, da ein Priester, der nicht an die Verwandlung im Abendmal glaubte, aus der Hostie Blut stießen sah:^ Dasselbe ist der Triumph von Raphaels Colorit, und weis't ihm ohne Widerspruch einen vorzüglichen Rangunter den größten Meistern in diesem Fach an. Die Figur des Papsts , vor welchem Mcße gelesen wird, derPriester, die beyden Kardinäle, ein Paar Köpfe der Wache habenden Schweizer , u. a. m. sind unübertrefflich,wahrhaft, warm und natürlich cvlorirt". »Die Behandlung" (heißt es dann weiter) »ist noch vollkommener,als in den vorigen Bildern, oder doch zum Wenigsten leichter und kecker, ja man möchte sagen beynahe ver-wegen; kein Strich ist umsonst geschehen, alle sind äußerst bedeutend, nach Verschiedenheit der Stoffe, die sievorstellen sollen, verschieden und in der Thal bewundernswürdig; die goldnen Tressen, der Sammt, das Weiß-zeug der Cborhemde u. a. d. ist überaus natürlich und meistcrbast dargestellt In der Anordnung des Ganzenwar der Künstler durch das Fenster, welches unter dem Bilde ist, und bis in die halbe Höhe desselben hinauf-reicht, gehindert worden; aber er wußte sich mit viel Geschicklichkeit zu helfen. Auch die Ausspendung der ein,reinen Gruppen ist seiner werth, obschon man hier nicht solche ausgezeichnet schöne Stücke findet, wie in derSchule von Athen oder im Heliodor. Einige Scbatlenfarbe» sind, der Narur der Freskomalerev gemäß, etwaszu grau und trocken ausgefallen; doch nicht so , daß ein übler Effekt daraus enistühnde. Die Formen sind imVerhältniß eben so groß und edel, wie im Heliodor, die Zeichnung auf eben die Art im Ganzen gut undrichtig, aber in der Ausführung der Theile noch etwas leichter, und vielleicht zu leicht und nachläßig.Schatten und Licht ist, eben so wie in jenem Bilde, auf den Figuren im Einzelnen , in schönen Massen ver-theilt; und so haben auch die Gewänder breite Falten, und große ruhige Parthien". Das Wunder ,u Bolsena findet sich, unsers Wissens, zuerst gestochen von F. Aqujla in den oiclui-ix dir«. 7. hierauf von F-
Fidanza, dann von R. Morghen, unter Votpato, nach der Zeichnung von Toffanelli, wie Füsiii sagt, sehrschön, und endlich im Umrisse bey ll-mdon Nro. 64.
k>8) Bottnri glaubt (wohl ohne genügsamen Grund), daß Jnl. Roman» an dem Heliodor gemalt habe, da sol-cher von einer stärker» und sicherern (?) Färbung, als Raphnets sey. Einige Sri'icke des Canons davonbesaß einst der Ritter Maffi»! zu Coden« (pnsavl), und späterhin die Köpfe der beyden, den Heliodor »er-