Band 
Zweyter Theil [3].
Seite
18
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neu: Ein Jüngling von hoher Schönheit, ein Löwe, einOchse und ein Adler, jedes mit zwey offenen Flü-geln, stellen hier die vicrköpfigten und vlerfiüglich-ten Thiere des Propheten vor, und zumal in der-jenigen Ordnung, wie der Seher sie beschreibt:Der Jüngling und der Löwe vor dem Ewigen undzu dessen Rechte»; der Ochse, und höher der Ad-ler, zur Linken. Alle richten sich auf dieselbe Seite,scheinen vorwärts zu wandeln, und werden, wieder Prophet sagt, nimmermehr zurückkehren.Die Gottheit, oder der Geist, welchen Ezcchiel imobersten Himmel sah, ist hier naher bey der Erdevorgestellt; die vier Thicrgestalten selbst bilden sei-nen Thron. Durch diesen glücklichen Gedankenunterwarf der Künstler seinen Gegenstand nicht al-lein dem Gesetze der Einheit, sondern er giebt unszugleich einen um so viel größer» Begriff von derMacht des höchsten Wesens, dem alle KreaturenDienst und Anbetung schuldig sind. Seine Trä-ger erheben mit Jnnbrunst gegen ihn ihre Flügelund ihre Blicke; ihre Köpfe sind voll Seele, manmögte sagen voll Entzückung. Auch der Reichthumdes Farbentons entspricht der Natur des Ganzen.Der Himmel stralt von Silber und Gold; dieroth-und blauen Thiere ahmen, nach dem Aus-drucke des Sehers, den Glanz des Saphirs nach.Auch die violetten Farben der Fleischparthien ver-hindern nicht, daß der Hanptton von großer Man-nigfaltigkeit, Kraft und Durchsichtigkeit sey. DieTveeirung ist lebendig, aber fein und weich. . . .Das Bild des Ewigen bann ist von vollendeterSchönheit; Raphael selbst hat dieses oberste We-sen nie, weder majestätischer noch schrecklicher ab-gebildet. Auch die naive Anmuth der beyden Engei-chen, die seine Arme unterstützen, steht mit demrmpvnirenden Charakter der großen Hauptfigur inhöchst poetischem Contraste. Wirst man endlichsein Aug niederwärts auf die Erde, und die großeweite Landschaft, die man dort erblickt wie kleinerscheint solche gegen ihren Schöpfer! Die Figurdes Propheten ist kaum sichtbar . . . Die Gott-heit ist Alles. Dies war sicher der herrschende Ge-

danke des Künstlers; dieses Wesen allein erfüllt dasganze Gemälde, so wie es auch allein die Uner-meßlichkeit des Weltalls ausfüllt". Noch bemerktdas Marmel in seiner Beschreibung:Die vürmehr ideaiischen als irdischen Thierfiguren, sindganz Handlung, jede nach ihrer Weise; der Ochseund der Löwe brüllen, der Adler schreyt, der En-gel-Mensch fühlt; er drückt die gefalteten Armeauf seine Brust, und sein Blick erhebt sich zu demgroßen Alten der Tage". Von dem Cvlorit heißtes hier: Obschon dasselbe noch nicht die dritteZeit von Raphaels Talent auch in diesem Kunst-theil anzeigt, so sieht man doch, daß der Gedankedes Vollkommenen auch hierin, schon in seinerSeele lag". Landon endlich sagt sehr gut:Je-ner Engel-Mensch stelle" (im Gegensatze mit denniedrigern Creaturen)das Bild der Weisheit undder Vernunft dar, das sich ehrfurchtsvoll demjeni-gen nahe, von welchem alle Vernunft und Weis-heit ausgeht 83)".

Ungefähr um dieselbe Zeit unsers Bildes malteRaphael für die Grasen Canoßa zu Moden» eineGeburth, wie vafaei sagt, mit einer Aurora (st-und St. Anna, ganz vortrefflich 8g).

Wieder eine Madonna, welcher die alte sitzendeSt. Anna das göttliche Kind reicht, das nach der(bedeckten) Brnst seiner Mutter langt. Eine jungeschöne Heilige hinter St. Anna (gewöhnlich Catha-rina getauft) nimmt an der Scene lebhaften An-theil. Eben so der junge Johannes, der bereitsauf das Kind deutet: Lcce u. s. f. vafän kann,wohl mit Recht, des Preißes dieses Bildesnicht satt werden.In dieser Madonna" (sagter)hat Raphael Alles gezeigt, was sich vonjungfräulicher Schönheit nur denken laßt: Beschei-denheit im Blick, -Würde (onore) auf der Stirne,Grazie in der Nase, Tugend auf den Lippen, undan dem Gewand eine Einfachheit und Ehrbarkeitohne gleichen. Dasselbe wurde für Cosmus vonMedici als Altartafel gemalt, stand nachwärts imPallaste Pitti, und kam, als Kunsieroberung,nach Paris in die dortige Senats - Gallerte 85).

sz) Wir selbst indessen müssen allen obigen Bemerkungen über unser Bild noch eine eigene (die wir wenigstenssonst nirgends gefunden) beyfügen. Warum rubrijirl Vasari dasselbe: »Christus als Jupiter"? WarumChristus, da dessen Hauptfigur doch offenbar die oberste Gottheit darstellt. Ob der gute Giorgio es etwamit einem andern Bilde verwechselt habe, wo Christus, mit der Auferstehungsfahne in der Hand, ebenfallsvon den vier Gestalten umgeben, und eigentlich auf dem Rücken des Ochsen reitend, zur Hohe getragenwird? (Ein Ungenannter hat diese Darstellung gestochen, und im Umrisse finden wir solche bey standc'-iVis eic. (!s L,tssoo. gzo.). Warum hinwieder sagt Vustrri: 6Als Jupiter"? Dieses aus. lehrgutem, ebenfalls bisher nirgends bemerkten Grunde: Weil in der That auf dem Bilde, wovon hier eigent-lich die Rede ist, die Gottheit wirklich, gleich dem heidnischen Vater der Götter, auf dem Adler sitzt. Unddaß endlich vasari wesentlich von dem unsrigen spricht, erhellet noch daraus, daß er in seiner Beschreibungauch des untern Landscbäftgens gedenkt, »welches in seiner Kleinheit nicht minder selten und schön, als dasUcbrige in seiner Größe sey", wo hingegen eine solche Landschaftsparthle in dem Bilde des Christus mitder Siegesfahne nirgends erscheint; aus welchem Allem wir den Schluß ziehen, daß unser Schriftsteller a»szwey Bildern, die er wohl sicher beyde gekannt, in seinem Werke, mit der ihm eigenen, oft nur allzugrv-ßen Undefangegheit, kurz und gut, Eines gemacht. Gestochen findet sich unser Hauptbild (weder das letztim Museum befindliche, noch das einst der Gallerie Orleans zuständige) in den ältesten Tagen nirgends;ketztres dann aber theils von N. Larmeßin für Crozat, theils nach C. Erratds Zeichnung von Poillv; erstereshingegen, als es noch zu Florenz stand, von C. Mogalli für die: Uuccvtut äe'e)usäri äel (Zran-0ucn, undnun, in unserer neuesten Zeit, nach Tertre's Zeichnung, von dem geschickten Jos. Lvnghi zu Mailand ,fürs i-XI. Heft des Museums Napoleon .

84) Wo dieses Bild hingeratheu sey, ist noch zur Zeit unbekannt. Schon dem ersten Besitzer wurden von meh«

rern Fürsten große Summen dafür geboten (lara-,). T. Zucchero hat es cvpirt (Wo?). Immerhin ist eskeines von den beyden, welche >720. zu Bologna durch eine Schrift: lXuovu vexririrrione cl> äue xrincl-palixLime guscloi lli äkn/akt/o ä'l7,i>rno, äuiu III luce cku br'ar. riaet» 8. kolognu, feilgeboten wurden.

Unter diese» befand sich eben auch eine Geburt, welche früherm» C. Vloemaert (zu Rom ) trefflich seste-wen, und zum Rnphnel getauft hat, die aber, »ach Mariette's Urtheil, ein Werk des Gchidone seyn soll.Dies Blatt ist dasjenige, was bey Hernecke II. Z87. und bey Winklee Nro. 5604. erscheint. U-tta-r.

85) A» Florenz hieß es Madonna dell Jmpannato, weil der Künstler im Grunde desselben ei» mit P-^cer oderLeinwand überzogenes Fenster angebracht hatte. »Die Madonna" (heißt es in den Propvbit t. -.53)

' steht, und ist im Begriffe, das Christkind der H. Elisabeth (nickt St. Anna? wird hier o-glaubt) zuzureichen,diese sitzt und hält die Hände hin, dasselbe zu empfangen. Maria Magdalena (denn für diese wird hierdie oben genannte St. Cathariua gehalten) steht hinter ihr, zeigt auf Johannes, und spricht freundlich zumChristkinde, welches noch an der Mutter Hals hängt, und sich gegen die (schöne) Heilige umwendet, lachcnound scherzend, voll Freude und Liebe. Johannes sitzt km Winkel rechts, zuvörderst im Bilde auf einem Tiger-fell , und scheint mit aufgehobener Hand von dem Erlöser zu provyezcye». Er ist als ein Knabe von achtoder neun Jahren vorgestellt, das Christkind hingegen nur als ohngefähr anderthalb oder zwey Jahre alt ---ein Anachronismus, de» der Maler wohl mit gutem Vorsätze beging- damit Johannes, als FlorentiMschr-Kuustheiliger, eine Hauptfigur würde, und mannigfaltigere Gestalten in diesem fürtrefflicken Werke sich zeig-ten". llandoil dann, in Vie er Oeuvrex <Is Lapbttk/ Kli-o. 4Zb.) und, nach ihm das: dtunuet llu ILIuxeuiuIV. Nro. zr. (welche beyde dasselbe tin Umn'iie geben) finden indessen an diesem Bilde, das vielleicht venRnphaek ftizzirt, aber von A. dck Sarto vollendet seyn dürste, Mehreres einzuwenden, und namentlich die