I. Zeichnung.
Ueber Raphaels Zeichnung, und seine Absichtenbey der Wahl derselben, sagt er in der ersten Schrift,substanzlich, was folgt:
„kaphael war nicht immer sich selbst gleich;er fieng auch in der Kunst mit Lallen an , ehe erseinen eigenen Willen recht aussprechcn konnte. Erhatte aber das Glück, in der Zeit der Unschuldund wahren Kindheit der Kunst geboren jn werden;also lernte er im Anfange nichts, als die pureWahrheit nachahmen. Diese brachte ihn zu einergroßen Richtigkeit des Auges, die ihm hernach zumGrundsteine des herrlichen Baues seiner Kunst diente.Damals wußte er noch nicht, daß eine Wahlwäre. Erst als er zu Floren; die Werke des daVinei und M. Angelo's sah, wachte sein großerGeist auf, über die bloße Nachahmung hinaus z»denke». Die Werke jener Beyde» hakten zwareine Art Wahl und Großheit; da sie aber nichtschön genug an sich waren, konnten sie unsermKünstler den sichern Weg nicht zeigen, auf welchemer zur beßten Wahl gelangen konnte: Denn es istnicht genug, daß daS, was Ander» ;um Musterdienen muß, an und vor sich gut ist, sondern esmuß solches überflüssig seyn. Er blieb also »ocheinige Zeit in einer Art Dunkelheit, und gieng nurmit wankenden Schritten fort. Als er aber end-lich in Rom die Werke der Antiken sah, da fandsein Geist zum erstenmal etwas, das mit ihm über-einstimmte, und sein Genie anfeuern konnte. Erhatte die Richtigkeit des Auges als einen festen Grundgeleget; es war ihm also nicht schwer, die Antikenso nachzuahmen, wie er es vorhin mit der Namegethan; indessen verließ er die schöne Gewohnheit,dieser letzter» zu folgen, nie, sondern lernte durchdie Antiken nur, aus der Natur zu wählen. Denner fand, daß diese nicht allen Kleinigkeiten nachge-hangen, sondern daß sie aus dem Schonen derNatur nur das Nothwendige auserlesen, und dasUeberflüßige verworfen. Also erkannte er, daßeine der Hauptursachen ihres Vorzugs in Befolgungdes richtigen Ebenmaaßes zyr) bestehe;, daher ver-besserte er erstlich die Kunst in diesem Stücke. Ebenso erkannte er, daß in dem Baue des menschlichenKörpers die Knochen und ihrer Gelenke die leichteund bequeme Bewegung desselben hervorbringen zyz),und daß daher die Alten auch auf diese den größ-ten Fleiß gewandt. Dergestalt erforschte er diewahren Ursachen der Schönheit der Antiken, undbegnügte sich nicht, wie es nach ihm manche sonstwackere Künstler gethan, an der bloßen äußernNachahmung derselben. Auch zweifle ich nullt,daß, wenn k^aphael die Gelegenheit gehabt härte,lauter idealische Figuren vorzustellen, er den Wer-ken der Antiken noch näher gekommen wäre; daabeb die Gebräuche seiner Zeit von denen der altenGriechen sehr verschieden, und schon damals diehohen Gedanken in niedrige verwandelt waren,so konnte er, nach seinem höher» Geiste, in derKunst seiner Zeit nichts finden, was ihn befriedigte,als den Ausdruck. Diesen fand er ebenfalls theilsschon bey den Antiken, am meisten aber durch das.Studium der Natur; von jenen begnügte cr sich,die Hauptformen zu gebrauchen; weit öfter aberwählte er im Leben das, was jene» am nächstenkam, und ahmte dieses nach. Alsdann führte ihnsein großer Geist weiter, bis zur Untersuchung der
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Bedeutung jeder Form insbesonders. Dadurch er-kannte cr, daß gewisse Gesichtszüge auch ihren be-stimmten Ausdruck hätten, und einem gewissen Tem-peramente eigen waren; so auch, daß zu einem sol-chen Gesichte eine gewisse Art Glieder, Hände undFüße gehören. Diese fügte er mit größter Rich-tigkeit zusammen, und bildete dadurch Gestalten,die mit jenen Regungen übereinstimmend waren.So oft er zur Uebung der Zeichnung schritt, dachteer allemal von Neuem auf die Hauptsachen: Erst-lich auf die Masse, folglich auf die Hauptformen,hernach auf die Knochen und Gelenke, bann andie Muskeln und Sennen; endlich bis auf dieAdern und Runzeln, da, wo es nöthig war; al-lemal aber leuchteten die Haupttheile hervor; undwenn je etwas an seiner Zeichnung abgeht, so istes nur das Unbedeutendste. Selbst seine gering-sten Werke geben schon Zeugnisse seines Verstandes;denn, wenn er auch nur mit wenig Strichen et-was bezeichnet, so sind es gleich die Hauptsachen,und was mangelt ist allezeit wenig, gegen dem,was da ist; nur das Uebrrfllüffige mangelt immer.Jeder seiner Züge drückt das aus, waS er soll:Das Fleisch ist rund, die Sennen gerade, die Kno-chen eckicht, jedes nach seiner rechten Eigenschaft,und Alles wahr."
Jn der zweyten Schrift lesen wir über Ra-phaels Zeichnung, fast noch ausführlicher, wesent-lich Nachstehndes:
--Sanzio machte den Anfang mit einer trockne»und sklavischen, aber doch ziemlich korrekten Zeich-nung ; nachher erlernte er einen vvllkommnern undvollendeten Styl, wie man bey den Antiken von,ersten Range antrifft, weil er im Ganzen genom-men nicht die Kenntniß der wahren Schönheit hatte,welche die Griechen besaßen. I» den Charaktere»der Philosophen, der Apostel, u. a. Figuren dieserArt ist er vortrefflich; seine Frauen hingegen finonicht graziöse genug, weil er ihnen- allzurundlichte(c-ouvosse) Umrisse gab ZY4). Dieses machtesolche Figuren gemein, und verschaffte ihnen ei»grobes Aussetzn; wenn er aber diesen Fehler ver-meiden wollte, so verfiel er in den noch schlim-mern , deS Harten. Die Jdealschönheit kannte ernicht; daher war cr in den zuerst genannten Fi-guren vorzüglicher, als in den göttlichen. D. h.seine Zeichnung enthalt vörderst alle die Umrisse,die sich in der Natur finden; dann studirte er dieAntiken besonders in den Basreliefs, und erlangtedadurch mehr einen Römischen als Griechischen Ge-schmack. Aus diesen lernte er, Gelenke und Kno-chen vorzüglich anzudeuten, und den fleischigtenTheilen einfachere und leichtere Contoure zu geben.Sonst sind jene Basreliefs eben nicht vvm beßtenStyle des Alterthums, und das Schönste darandie Symmetrie und das Verhältniß der Gliedmaaßeunter einander, was den» auch Ravhael vorzüg-licher, als kein anderer Maler verstand. SeinenFiguren gab er nur die Länge von sechs Köpfe»,und doch scheinen sie so schön, als wenn sie dieje-nige von achten hätten, was einzig von ihremrichtigen Ebenmaaß abhängt; überhaupt sind siefreylich so elegant nicht, als die griechischen Statue»,und ihre Gelenke nicht so zart, wie die am Lao-koon, am Apoll , und am Fechter. Schöne Hände,besonders von Frauen und Kindern, trifft manbey ihm nicht an, da solche in der Natur weniggesunden werden, und an den Antiken selten mehr
Mann wie Mengs eigentlich über Kaphael gedacht und geuriheilt habe. Wahrhaftig ein mühsames, und,wenn es uns aeluiiaeu ist, vielleicht nickr unverdienstliches Geschäft, wobey uns prange'« Verunstaltungder ersten Schrift, so wie seine Ueberfttzung der rwevren, leider wenig Hülfe leisten konnte.
M) Die Urschrift sagt kurz, aber seltsam genug: 2>I ihren Maaßregeln; Arara, l» seiner Ueberfttzung,vielleicht ebenfalls zu kurz; «Zu der Zeichnung."
WZ) Die Urschrift sagt, gant wunderlich: «Daß die Knochen und ihre Gelenke die Ursache ihrer t?) Bequem«lichkeit wären.
M) ?