Band 
Zweyter Theil [3].
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vorhanden sind; die seinigen sind daher incisi ent-weder zu dick oder zu mager. Wohl muß er fastimmer bloß nach Erwachsenen gezeichnet haben,da er seinen Kindersiauren niemals die gehörigeWeichheit und jenes Milchfleisch zu geben wußte,das ihrer Natur eigen ist; sonst bildete er diese!ben eben so ernst und aufmerksam, wie sie es beyden Alten seyn mußten. Wo er etwa welche (undzwar eben bloß die Köpfe) nach Modellen (wahr-scheinlich nach Kinder» armer und geringer Leuthe)zeichnete, da sind sie immer unedel; wie z. B-derjenige des Kinds in der Madonna della Seg-giola, welcher sicher aus der Natur entlehnt, undseine Physiognomie zwar sehr lebhaft, aber anAdel und Schönheit weit unter den schönsten vonTitian ist 395 ). Ueberhaupt aber hatte Raphaellange nicht jenen großen und edeln Styl, welchendie Künstler der antike» Bildsäulen erreicht haben,da er sich nämlich einbildete, es könne über denGeschmack von M. Angel» nichts Größeres geben,der, über dem Bemühen immer groß zu seyn, stets. ins Grobe verfiel, und, wenn er durch eine kon-vexe Linie die Gränze des Natürlichen überschritt,den Weg, wieder einzulenken, verlor 396). Diesefalsche Idee von Größe, die der junge Raphaelsich in den Kopf gesetzt hatte, verlor er zeitlebensnicht ganz, und verfiel daher ins Carrikaturirte,ward bey der Darstellung zartgebauter Körper hart,u. gerieth bey ben starken ins Uebcrtriebcne seines Vor-bildes 97). Daß er nicht wußte, was das Idealwar, erhellet wohl am Beßten aus seinem Briefan den Grafen Castiglione, worinn er sagt: Ersey gezwungen, die Schönheit, die die er malenwolle, sich einzubilden, und müsse daher befürchte»,daß sie nicht sehr gut ausfallen werde, weil zurDarstellung einer großen Schönheit auch ein sehrschönes Muster erforderlich sey. Hieraus erhelletzugleich, daß er die Statüen der Antike» sich nichtzu Nutze zu machen wußte, weil er alles Schönein der Natur aufsuchte, und sich auf sein gutesTalent verließ, daß er es finden würde. Nur inden allgemeinen Marimen, und in dem was manPraktik oder Manier nennen kann, folgte er denAlten, nicht aber in ihrer Schönheit und Voll-kommenheit; in allen denjenigen natürlichen Din-gen, die er bey ihnen antraf, war er vortrefflich;in denen hingegen, die er bey ihnen nicht vorfand,reichte seine Einbildungskraft nicht zu, sie selbstaufzufinden".

»Das, was ich bisdahin gesagt habe, bezichtsich indessen bloß auf die Form, und nicht auf Er-findung noch Ausdruck, wovon ich nachher redenwerde."

II. Helldunkel.

»rraphael kannte anfangs das Helldunkel nicht, an-ders als aus der Nachahmung, indem er nur die Na-tur kvpirte. Da aber die Nachahmung ohne Wahlnichts Schönes hervorbringen kann, so waren auchseine Werke in diesem Kunsttheil ohne alle Schön-heit. Erst als er nach Florenz kam, und die Werkedes Fra Barthvlvmcv und Masaccw sah, fand er,daß es eine Großheir in Licht und Schatten gebe;daß z. B. auf einem erhabenen Gliede keine starkeFalten, noch andere Dunkelheiten stehen dürfen,die es zerschneiden. Jetzt fienq er an, nicht mehrohne Unterschied nach dem Leben zu arbeiten, son-dern suchte dasjenige zu erreichen, was man Mas-

395) Aber, man sehe z. B. das Kind in der Madonna,seine gehörige Einschränkung geben.

sen heißt, hielt seine Lichter an den erhabenste»Stellen, sowohl bekleideter als nackter Figurenbeysammen, und brachte dadurch in seine Werkeeine solche Deutlichkeit, daß man (was so wichtigist) auch ganz von Ferne eine Figur gleich verste-hen kann. Späterhin zu Rom , bey dem Anblickeder Antiken, bevesinete er sich noch mehr in diesemGeschmack, und lernte durch die Nachahmung der-selben aus dem Grund, jedem Theil seine gehörigeI?midung zu geben. Weiter aber, und bis zumJdealischen gieug er hierin nicht, da er nämlichaus Bedeutung und Wahrheit seine Hauptbcmühungrichtete. Auf seine vordersten Figuren pflegte erdie stärksten Lichter und Schatten so zu setzen, alswenn alle Gewänder u. dgl. von Einer Farbe wä-ren; das Licht trieb er hier bis auf das Weiße,und alle Schatten bis auf das Schwarze. Dieseskam, neben Anderm, auch daher, daß er seinenganzen Gegenstand immer nach kleinen Modellenzeichnete, wenig gemalte Skizzen machte 398), unddaher seine Bilder in solches Helldunkel setzte, alswären sie alle nach Statüen schattier; nämlich, jenäher sie dem Auge waren, desto stärker bildete ersie von Licht und Schatten; je entfernter, destoschwächer. Dieses haben die größten Meister imHelldunkel nicht gethan, und ist Raphael in die-sem Stück nicht allezeit zu folgen, sondern vielmehrdem Cvrreggio."

In der zweyten Schrift dann lautet es über dennämlichen Gegenstand so:

»Wo, und wenn man Licht und Schatten anbringenmüsse, dieses verstand Raphael sehr gut; nur dasIdeale davon kannte er nicht, sondern hatte diesenTheil der Kunst nur so weit in seiner Gewalt, alser zur Nachahmung hinlänglich ist. Einen gewis-sen Schein von jenem bemerkt man zwar ebenfallsin allen seinen Werken; allein mau sieht, daß esnicht die Wirkung einer festen Methode, sonderndes Zufalls, und in der Lebhaftigkeit seines natür-lichen Geschmacks gegründet war. Sein Systembestand darin, daß er sich seine Gegenstände, inVor-und Hintergründen, so vorstellte, als wennalle Figuren in Weiß gekleidet wären. Zu dem Endeverspenvete er die höchsten Lichter dahin, wo sieseiner Meinung nach seyn sollten, und ließ sie vonda aus stuffenwcise abnehmen bis in die weitesteEntfernung. Daher sieht man in seinen.Vorder-gründen viel weiße oder gelblichte, kurz lichte Drap-pcrien. Dieser Grundsatz war ihm und der F!o-rcntiliischeu Schule eigen, da hingegen die Lom-barden u. a. gute Coloristen auf solchen Stellenallzeit ganze Farbe», Noth, Gelb und Blau ge-brauchten, welche die Augen mehr an sich ziehenals die wcißlichten, indem das Weiße ihnen stetsetwas Lustartiges mittheilt, und ihre Lebhaftigkeitdadurch vermindert. Außerdem hatte Raphaeknoch eine fehlerhaftere Maxime: Daß er nämlichauf Gewänder, die ihrer Natur nach von reinerFarbe seyn mußten- ein gleich Helles Licht ausbrei-tete aus die blaue» zumal, wie mau z. B. anseinem Apostel bemerkt, welcher aus dem Vorgruudeder Verklärung sitzt, dessen Lichter ganz weiß sind,was doch nach den starken Schatten und Halbschat-ten, die er ihm gab, nicht seyn konnte. Die näm-liche Regel dann beobachtete er bey den dunkelnStellen, setzte den stärksten Nachdruck vorne an,und dämmte hierauf solche stuffenweise bis dahin,wo sie sich mit den Lichtern einigen 399). Diese

der Gärtnerin; und man wird sicher obigem Urtheil

396 ) Hieven werden dann weiter sehr angemessene Beyspiele gegeben, die aber hier nicht r» unserm Vorhabengehören.

Z 97 ) Bev dieser wohl auch tüchtig übertriebenen Behauptung traut man wahrlich seinen Augen kaum.

-^9») »Nicht zwey", heißt es an einem andern Orte.

399) Dieses letztere verstehen wir zwar wotil, sehen aber nicht, wie solches nach der nämlichen Marime geschehenseyn zollte, d.e er (wie wir so coc» vernommen) bey den lichten Stellen befolgte.