Methode war sehr nach seinem Geschmacke, weilsie ihm ein Relief gewahrte, und, mehr als jedeandere, die Gegenstände hervortreibt, indem dieParthien, weicht vorwärts sind, den stärksten Schat-ten haben; was aber gegen die Wahrheit der Na-tur ist, da ein weißes Gewand nie so dunkel seynkann, als es Raphael machte, der daher auch dieReflexe, welche doch so viel zur Klarheit undGrazie beytragen, verabsäumen mußte. Ein sol-ches Gebrechen ist jedoch bey kleinen Bildern eherzu entschuldigen, als bey großen, weil bey den er-ster« Licht und Schatten nicht so abwechselnd ftynkann, und die Massen, welche die Gründe undFiguren hervortretend oder zurückweichend machen,kleiner seyn müssen. Aber aus eben diesem Grundekonnte unser Künstler in seinen Werken wenigHaltung anbringen; denn, wenn er sich derselbenstark bedient hätte, so wäre er genöthigt gewesen,die Figuren auf dem zweyten Grund ohne Schat-tn, und Licht zu lassen, und mithin hatten sie kei-nen Nachdruck und Wirkung gehabt."
„Damit will ich keineswegs behaupten, daßRaphael die Kunst des Helldunkels ganz und garnicht verstanden; sondern nur, daß seine Art undWeise zu zeichnen, und alle Figuren vermittelst desSchwarzen und Weißen hervorstechen zu lassen,ihn auf jenen Theil der Malerei weniger aufmerk-sam, und dafür mehr aus die Zeichnung bedachtmachte; so daß, wenn man von ungefähr einschönes Helldunkel in seinen Bildern bemerkt, sokam dieses, wie.schon gesagt, von der Nachahmungder Natur her."
„Allem Anschein nach bildete er seine Gedanken,ehe er sie malte, in Wachs, um die Wirkungenzu sehen, die sie machten; und ich denke, daß dasbiesfällige Schöne in seinem Hcliodor, und dieMasse von Helldunkel in der Verklärung von denEffekten herrührten, welche er nach seinen Wachs-modellen kopierte. Eben dieses glaube ich in derSchule von Athen und in der Disputa bemerkt zuhaben, wo man sieht, daß in den Theilen, wo dieModelle, ihrer Natur nach, Schatten und Massenhervorbringen mußten, auch ein gutes Helldunkelangetroffen wird, was man hingegen in denjenigenFiguren, welche dem Licht entgegengesetzt sind (wodie Modelle ihm gar kein zufälliges Licht undSchatten zeigten) nicht findet. Man nennt aberin der Malerei alle diejenigen Schatten zufällig,welche nicht zur Rundung und Abstuffung gehören,und in der freyen Willkähr des Künstlers stehn,ob er sie machen will oder nicht. Wenn nämlichnur die eine Hälfte der Figur beleuchtet seyn soll,so setzt man ihr eine andere zur Seite, die sie zumTheil beschattet; was also zufällig, und kein Schat-ten ist, der zur Figur selbst gehört, sondern voneinem fremden Gegenstand herrührt. Also nocheinmal: Diesen Theil der Kunst verstand Raphaelnicht, und kannte kein anderes Helldunkel, alswas die bloße Abstnffiing an und vor sich erfordert;und ich bilde mir beynahe ein, daß er sich öftersnur zu einem Theil seiner Bilder ein Modell machte,weil man in manchen derselben so viele Fehler wi-der die Regel von Licht und Schatten antrifft."
III. Rolorir.
Die erste Schrift ist über diesen Gegenstand ganzkurz, und lautet, wie folgt:
„Nach dem Gebrauche der damaligen Zeit lernteRaphael zuerst das Malen mit Wasserfarbe». Dain dieser Weise schwerer, als in andrer Art, zukoloriren ist, so war sein Geschmack hierin eben soroh, als derjenige seiner Meister. Hierauf kam erzum Frescomalen, wo man sich wenig nach demLeben richten kann, und vieles bloß nach der Idee
4<>o) Das Wie ? . . . bleibt uns der Verfasser schuldig.
go,) Ob Nicht neben seinem Bild der Verklärung (wjandere seiner Werke dieses game letzte Unheil n«m
Anh. zum VH. Heft.
69
arbeiten muß, wodurch er sich vollends einen Stylangewöhnte, der ihn von der Annehmlichkeit derNatur entfernte. Dann aber gewöhnte er sich beyFra Barthvlomao zu Florenz an einen guten Haupt-ton, den er auch behielt; und da er zu gleicherZeit das Oelmalen sehr wohl erlernte, verbesserteer überhaupt sein Kolorit, und nahm auch in sei-nen Werken al Fresco einen schönen Geschmackan. Doch blieb er allezeit gegen Correggio undLitian in seiner Färbung dick und schwcrschcind;so daß kurz dieses der Kunsttheil ist, worin nichtEr, sondern hauptsächlich Litian nachgeahmt wer-den muß."
Umgleich ausführlicher dann heißt es in der zwey-ten Schrift also:
»Raphael hatte im Kolorit nicht diejenigenMuster vor sich, welche er in der Zeichnung fand;somit war er gezwungen, die Natur ganz schwachnachzuahmen, so wie es auch seinen Vorgängerngieng; und da er anfänglich al Fresco arbeitete,so konnte er nichts weniger, als die Wahrheit ge-nau erreichen. Bey seiner zweyten Manier dann,die er von Fra Bartholvmäo annahm, hatte seineFärbung schon einen bessern Ton; sie ist nicht sograulich, und besser impastirt; übrigens allzuein-förmig, alle seine Figuren braun, und wie vongrober und gemeiner Haut. Diesen Geschmack be-hielt er lange Zeit, ober vielmehr legte er ihn nieganz ab. Erst als er seine al Fresco's im Vatikan anfieng, tauschte er jene Manier, in etwas, aneine mehr vollendete und (zwar mit Schüchternheit)abwechselndere, wie man solches in seiner Disputabemerken kann. Damals versuchte er, sein Fleischbald weiß, bald braun, bald dunkel, bald durch-sichtig zu malen; welch letzteres man an seinemChristus und seinen Engeln bemerken kann, dieeine viel zartere Carnation als seine Menschen ha-ben ; daher auch jenes Bild das beßt kolorirteunter allen seinen al Fresco's ist. Die Praktickund große Kühnheit im Arbeiten, welche er sichdabey erworben, machte ihn aber einsweilen wiederirre, wie solches die Schule von Athen beweist 400).Nachher verbesserte er sich neuerdings ein wenigin seinem Heliodor, der mit mehrerm Nachdruckkolorirt, und mit leichterm Pinsel ausgeführt ist;aber die wahre Zartheit der Färbung brachte ernoch nicht heraus, seine Frauen und Kinder blie-ben immer ziemlich grau. Endlich machte die großeAufmerksamkeit, welche er auf die Zeichnung rich-tete, daß er bey dem Burgbrande das Kolorit ganzvergaß.. Nachher sieht man, baß er sich (eben dieZeichnung ausgenommen) um seine Vervollkomm-nung in allen übrigen Theilen wenig, aber destomehr darum bekümmerte, eine große Fertigkeit znerlangen, alles geschwind zu vollenden; was ihmfreylich die geradeste Straße zum Glück bahnte 401).Denn in der That lebte er mehr wie ein Fürst,als wie ein Maler. Dieses geschah unter Leo X. der gegen unsern Künstler »»gemein nachsichtig undfreygebig war. Dem Ehrgeitze dieses Fürsten zuschmeicheln, legte er ihm die prächtigsten architek-tonischen Entwürfe vor, um Rom wieder seinenehemaligen Glanz und Zierde unter den ersten Kai-sern zu verschaffen. Diese Beschäftigungen, wäh-rend welchen Raphael das Malen seinen Schülernüberlassen mußte, waren seiner Kunst sehr nachthei-lig. Um diesen Nachtheil einigermaaßen zu verbes-sern, und seine Ehre zu verwahren, verwandte erjetzt alle seine Kräfte auf das große Bild der Ver-klarung. In diesem Werke bemerkt man überhaupteine gute Färbung; allein es ist sich nicht im Gan-zen gleich, und die Männer sind namhaft besserkolorirt, als die Frauen. Einige Parthien darinsind nicht von Raphael selbst gemalt; wie z. B.
nun sofort Meng« selbst wieder einlenkt) noch mehrt beschränken?
18