Band 
Zweyter Theil [3].
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der zum Helldunkel gehört, und von dem ich ein-räume, baß Raphael das erforderliche Ideal des-selben nicht kannte; und doch hat kein anderer Ma-ler größere und bevölkerterc Bilder geliefert wie er.In diesen allen aber wußte er seine Figuren be-wunderungswürdig zu vertheilen, und sie unter sichzu verbinden; jede ist das, was sie seyn muß, nachder genauesten Wahrheit. WaS werden nun dieMacchinisten weiter zu ihrer Entschuldigung vor-bringen können?"

„Endlich erinnere ich hier noch im Vorbeyqehn,daß man Raphaels Erfindungen nicht nach jedemersten beßten Kupferstich, sondern einzig nach den-jenigen Blattern beurtheilen darf, die er durchseine Schüler ausführen ließ."

V. von Raphaels Ideal.

Dieser Gegenstand ist einzig in der großern Schrift:Den Betrachtungen über die drey großenMaler, u. s. f. und zwar so behandelt.

„Unter Ideal" (heißt es dort) „verstehe ichdasjenige, was man nur mit der Einbildungskraftsieht, nicht mit den Augen. Daher besteht dasIdeal der Malerei in der Wahl der, von allenUnvollkommenhciten gereinigten, schönsten Dingein der Natur.

»Jeder Theil der Malerei hat sein Ideal. Inder Zeichnung besteht das Ideal in einer überna-türlichen Schönheit, welche aus der Verschiedenheitmannigfaltiger und zusammenpassender schöner Theileentspringt. Im Helldunkel sind dieses Ideal dieMassen und auserlesenen Licht-und Schatteiiblicke,welche, am rechten Ort angebracht, die Schönheitdes Werkes erhöhen. Im Kolorit ist es die Wahldes Tones, den man den Gegenständen giebt, undder Gebrauch der mehr und minder starken, undzum Auffangen der Lichtstrahlen am meisten geeig-neten Farben. DaS Ideal der Cvmposition bestehtin Erfindung einer so nie gesehenen Handlung;in einem Ausdrucke, der sich nicht aus der Naturnachbilden laßt, und in dem Gebrauche bichterschcrIdeen in den Haupt-und in Nebensachen. DasIdeal im Charakter der Figuren endlich beruhetauf ihrer Stellung, auf den Gesichtsmienen, aufden Regungen der Hände, der Füße und des gan-zen Körpers, je nach dem Temparamente und derGemüthsstimmung, die man darstellen will. Sollteman sich wundern, daß ich zu dem Ideal der Com-pvsition den Charakter der Formen zähle, was sonstder Zeichnung zuzugehören scheint, so bemerke ich,daß dieses Ideal zweyerley in sich faßt: Das eineist das Nachdenken über die Sache, 'und über dasAnbringen am rechten Orte; dies gehört;»r Cvm-pvsition. Das zweyte ist die wirkliche Ausführung,und diese ist das Geschäft der Zeichnung, welcheverhüten muß, baß nicht alle Linien Einen Cha-rakter haben."

»Noch muß ich beyfüge», daß das Ideal derZusammensetzung sich sogar bis auf die Drapperieerstreckt; weil z. B. um einen schneller Lauser dar,zustellen, sein Gewand, wenn man bloß die Naturnachbilden will, auf die eine Seite flattern muß,das Ideal aber bisweilen ein Anderes erheischt.Wenn z. B. ein Engel fliegt, muß auch sein Ge-wand zeigen, ob es aufwerts oder niederwerts ge-schieht, und an jedem Glied, so wie an der gan-zen Figur muß man auch an den Falten erkennenkönnen, ob sie noch in der Handlung begriffen,oder ob solche schon vollendet sey; ob seine Re-gungen sanft, stark oder heftig seyen, u. s. f.Auf Alles, bis aus die Haare sogar, muß sich diesIdeal erstrecken."

„Um recht einzusehn, was dieses Ideal sey,und wie weit es sich ausdehne, würde ich dem Ma-

<°L) Wie hätte Letzteres wohl geschehen solle»?

läi»i: l»bor!

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ler insbesonbcrs rathen, die Dichter zu lesen,welche ja auch nichts ohne vorhergegangenen Aktihrer Einbildungskraft geschrieben haben; und sinddaher auch diejenigen unter ihnen die trefflichsten,welche da§ Beßkc unter ihren Bildern zu wählenwußte». Eden aus diesem Grunde nannten dieAlten die Malerey eine stumme Poesie, und dieDichtkunst eine sprechende Malerep. Kehren wirindessen wieder zu unserm Künstler zurück."

„Raphael brachte das Jdcai in der Malereynicht weiter, als es in der Natur anzutreffen ist;nur in der Ausführung der Charaktere zeigte er et-was mehr, als diese letztere. Die Schönheit, wo-mit er seine Madonnenköpfe begabte, können hiernicht zur Einwendung dienen; denn diese Schön-heit war diejenige des Ausdrucks. Bescheidenheit,Adel, Keuschheit und Liebe zu ihrem göttliche»Sohn sind darin sichtbar; und durch diese bezau-bcrt er uns. Allein, wer einen seinen Geschmackhat, wird mit mir der Meinung seyn, daß wenndie eine Tochter der Niobe dasselbe hätte ausdrü-cken müssen, sie Raphaels Madonnen weit würdeübertroffen haben. Letztrer hatte wohl eine Königin vollGrazie und Adel, der alte Künstler hingegen eineGottheit »nd Mutter der Götter aus ihr gemacht."

„Also in Ansehung des Ausdrucks änderte undbesserte Raphael freylich die Natur; aber in Ab-sicht auf Schönheit ließ er solche, wie er sie fand,ja bisweilen blieb er noch unter ihr. Ucberhauptgab er seinen Figuren ein »»gemein gnmuthigesAnsetzn, aus welchem schöne Eigenschaften (la lorc»virtü) hervorleuchten; allein sie bleiben doch immerMenschen; sein Christus ist ein bloßer Mensch,wenn man ihn mit einem Jupiter oder Apoll ver-gleicht ; seinen himmlischen Vater kann man in derNatur antreffen, und dort vielleicht noch schöner.Um den seinen göttlicher erscheinen zu machen,hätte er dem Kopse mehr Majestät verliehen, unddie Theile minder zeigen müssen, weiche die Sterb-lichkeit andeuten 405). Die runzlichte Haut unddie unruhigen Augen zeugen von den Gebrechenseiner Natur. Wen» es nun einmal sv eingeführtist, ihn unter der Figur eines alten Manns vor-zustellen, so muß es doch so geschehen, daß seinAlter ohne die Schwachheiten erscheine, die essonst mit sich führt 406), uns Ehrfurcht einflöße/und unsere Einbildungskraft mit den hohen Be-griffen erfülle, die wir von dem Allmächtigen ha-ben müssen. Allein um dieses zu thun, muß mansich nicht so sehr an die Wahrheit halten, wieRaphael, der den seinigen mit allen Gebrechendes hohen Alters bekleidet hat."

»In diesem Theil der Kunst waren die Altenvortrefflich. D>c Figuren ihrer Gottheiten stelltensie nicht mit Adern und Sehnen vor; wenigstensdeuteten sie dieselben nicht so stark, wie bey denMenschen an; und wenn dergleichen an ihrem Her-kules sichtbar ist, so weiß ein jeder, daß es hierseyn durfte — denn dieser Herkules wurde als le-bend angenommen , ruhend von- seiner Arbeit —keine Gottheit, sonst würbe er nicht ermüdet seyn.' Ueberhaupt aber nahm das Heidenthum einen gro-ßen Unterschied zwischen Göttern, und Helden odervergötterten Menschen an; seine Art, die Gottheitvorzustellen, ersteht man deutlich an seinem ApollUnd Jupiter im Museum des Vatikans."

„Auch in der Harmonie und Uebereinstimmungder Formen waren die Alken Raphael weit über-legen. Wohl wußte letzterer, wie er eine Stirn',z. V. heiter oder trübe, nachdenkend oder froh u.s. f. machen sollte; aber minder bekannt war esihm, was für eine Nase und welche Wange sicham Beßren für diese Stirne schicken. Wenn dieAlten eine heitere, saiteulose Stirne bildeten, so

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