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von Süden her betrachtet, wo die Hochfirne des grossenAletschgletschers bis zur Höhe von 9,000 Fuss an siehinansteigen und wo die gewaltigen Vorketten des Aletsch-horns und der Walliserviescherhörner die fast unschein-bare Gestalt mit der schlanken Spitze so sehr in denHintergrund drängen, dass sie nur in unmittelbarer Näheoder von entferntem hochgelegenen Standpunkten ausgesehen werden kann. — Die Jungfrau reizte noch früherals das Finsteraarhorn die Lust des kühnen Bergsteigers,der aus den grünen Ebenen des Landes zu ihr empor-blickte; aber wie bei’m Finsteraarhorn gelang ihre Be-zwingung auch nur durch eine strategische Umgehungder nördlichen Hauptfronte vom Wallis her, bis diemoderne Steigekunst ihr auch von der Vorderseite Meisterwurde.
Es war den Herren Joh. 'Rudolf und Hieronymus Meyer aus Aarau und den zwei Wallisergemsjägern, dieihnen als Führer dienten, Vorbehalten, sich den Buhmder ersten Ersteigung der Jungfrau zu erwerben. DieHerren Meyer reisten am 29. Juli 1811 von Aarau ab,stiegen über die Grimsel in’s Wallis und nahmen ihrenWeg nach dem Lötschenthal. Ihr Bericht über dieseWanderung ist etwas unklar. Sie scheinen von Naters aus nach der Bellalp und von da über den Baichgratbis zu den hintersten Alpen des Lötschthals vorgedrungenzu sein. Begleitet von jenen zwei Walliserführern, denensie jedem 25 Batzen für den Tag bezahlten, einem Trägeraus Guttannen und drei ihrer Leute aus Aarau , erstiegensie, am 1. August, ausgerüstet mit Lebensmitteln, Holz,einer Leiter und Seilen von hundert Fuss Länge, denLötschengletscher. Nachdem sie die Lötschenlücke über-schritten hatten, schickten sie die drei Dienstleute aus