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Stubenvogel - Züchtung.
Finken, so namentlich dem allerdings nächstvenvandten gemeinen Girlitz, und allenfalls auch mitHänfling und Zeisig, Weiterzucht erreicht, damit aber hat dieje Seite der Züchtung auch einEnde; wenigstens vermag ich keine weiteren zuverlässigen Fälle anzuführen. Wenn uns in derZllchtungslehre überhaupt an zahlreichen Stellen die Veranlassung dazu nahetritt, die schaffendeNatur zu bewundern, so sind wir hier wiederum an einem solchen Punkt angelangt. Darin,daß die Fortpflanzung verschiedener Arten mit einander als äußerst schwierig oder wol gar alsunmöglich sich herausstellt, haben wir eins der bedeutsamsten Selbsterhaltungsgesctze der Naturvor Augen. Ließen wir unsrer Einbildungskraft die Zügel schießen und wollten wir uns dieNatur einmal ausmalen, wie sie sein würde, wenn das Naturgesetz, welches die Erzeugung, bzl.Fortpflanzung von Mischlingen erschwert, nicht vorhanden wäre — was könnten wir dann inkürzester Frist um uns her erblicken? Neben manchen allerdings schönen und vollkommenenGeschöpfen doch sicherlich eine Unzahl solcher, die wir als Verzerrungen bezeichnen müßten. DieArtenbeständigkeit im Thierreich ist sicherlich eine der Hauptsäulen keines Bestehens. Haltenwir an dieser Wahrheit fest, so fällt ein tieferes und insbesondre wissenschaftliches Interesse ander Mischlingszucht von vornherein fort; damit ist jedoch nicht gesagt, daß auch der harmloseZüchter, selbst wenn er ernsten Zielen nachstrebt, durchaus keinen Reiz darin finden sollte, Ver-suche in der Zusammenzüchtung von verschiedenen Arten anzustellen. Von diesem Gesichts-punkt aus habe ich nun auch die folgenden Anleitungen zu geben. Zuvörderst müssendie Vögel, welche man zur Mischlingszucht verwenden will, immer einander naheverwandt sein. Man kann doch offenbar nicht einen Papagei mit einer Taube u. a.verparcn; im Gegentheil, je näher dieselben einander stehen, desto aussichtsreicher istihre Zusammenzüchtung. Sodann muß es als Hauptbedingung gelten, daß die für jedenderartigen Versuch ausgewählten Vögel kerngesund und in jeder Hinsicht tadellos seien.Ferner ist eine möglichst übereinstimmende Lebensweise und Ernährung Bedingniß;Böget, von denen der eine in der Weise der Finken in einem offnen Nest drüiel, der andre ein überwölbtes Pracht-finken- oder gar ein Hangendes Webervogelnest errichtet, können erklärlicherweise schwieriger zusammen zur erfolg-reichen Brüt kommen, als solche, die gleiche Nester herstellen: dasselbe gilt, wenn der eine vorzugsweise mitSämereien, der andre mit Kerbthieren seine ganz kleinen Jungen ernährl, doch ist die Schwierigkeit in dieserHinsicht nicht so sehr groß, indem säst alle Finkenvögel (mit denen wir es hier doch vornehmlich zu thun haben)gleicherweise, wenigstens in der ersten Zeit, weiche zarte Kerdthiere (wir können als solche nur kleine frischeAmeisenpuppen, nebst den entsprechenden Ersatzmitteln, s. S. 273 ff., bieten) verfüttern. Den Rathschlag muß
ich aber anfügen, daß man, wenn die Bedürfnisse beider Vögel von einander abweichend sind,immer gebührend daraus Rücksicht nehme und jedem gewähre, was ihm zukommt. Allebtrf. Zuchtpärchen sind so unterzubringen, daß sie ihresgleichen, ja selbst nah-verwandte Arten, keinenfalls sehen, auch nicht einmal locken hören. Am meistenerfolgversprechend ist also in diesem Fall immer die Züchtung jedes einzelnen Pärchens imEinzel- und zwar am besten dem Kistenkäfig, welcher zugleich ganz allein in einem besondernZimmer stehen muß. Soviele Bastardzüchtungen wir bisher auch vor uns haben, stets müssenwir berücksichtigen, daß dieselben sämmtlich im wesentlichen nur dem Zufall zu verdanken sind;eine sachgemäße, zielbewußte Mischlingszüchtung haben bisher erst außerordentlich wenige Vogel-liebhaber versucht, und wir dürfen vielleicht annehmen, daß darin lediglich oder doch vorzugs-weise die Ursache des vorhin erörterten Mißlingens der Weiterzucht von Mischlingen begründetliege. Eine, wenn ich so jagen darf, rationelle Vorschrift zur Züchtung von Bastarden sehenwir bisher nur bei einem einzigen und zwar dem hauptsächlichsten unserer Kulturvögel voruns. Selbstverständlich darf ich dieselbe meinen Lesern nicht vorenthalten. Aussicht aus diebesten Erfolg! hat bisher immer nur die Bastardzüchtung zwischen Kanarienweibchen und denMännchen verschiedener fremden Vogelarten ergeben. Erst in neuerer Zeit hat man auch imumgekehrten Verhältniß mehr oder minder mit Glück gezüchtet, so namentlich mit Weibchenvom Girlitz, Hänfling, Stiglitz u. a. Bisher herrschte die Meinung, daß man nur mit solchenMännchen von freilebenden Vögeln gute Ergebnisse erreichen könne, welche man aus dem Nestgenommen und aufgefüttert hat; dies Vorurtheil ist indessen durch mannigsache Erfahrungenlängst umgestoßen. Dagegen dürsen wir die alte Regel, daß wir jedes Pärchen zur Bastard-