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Die Ablichtung der Vogel.
Die Mrichtung der Dögel.
Allgemeine Gesichtspunkte. Ein Wort von schlimmer Bedeutung war es.mit welchem mau in früherer Zeit das Verhältniß bezeichnete, in dem der Menschals Herr und Gebieter sich die ihm am nächsten stehenden Thiere fügsam machte:Dressur nämlich. Gegenwärtig aber, den Regungen unsrer humanen Zeitströmunggemäß, dressireu wir leine Thiere mehr, sondern wir richten sie ab, und dies istselbst bei denen zutreffend, welchen gegenüber wir Zwangsmittel anwenden müssen.In diesem Sinn geben wir den Thieren, die wir um und vor uns haben,Unterricht und zwar in der Weise, daß derselbe dem der menschlichen Jugendentsprechend durchaus geregelt oder wie man zu sagen pflegt systematisch ertheiltwerden muß. So hat sich im Lauf langer Jahre die Abrichtung der Thiere gleichsamzu einem Wissenschaftszweige herausgebildet, und wer in derselben, gleichviel aufwelchem Gebiet und welchen Thicrarten gegenüber, etwas Tüchtiges erreichenwill, muß vollkommen eingeweiht sein in all' die Erfahrungen, die wir darin bisjetzt gewonnen und als stichhaltig erprobt haben. Aber auch dann wird er nochkeineswegs ohne weitres und in jedem Fall Erfolge erreichen können, wenn ernicht ganz besondere persönliche Eigenthümlichkeiten besitzt, welche ihn zur Thier-abrichtuug befähigen oder wenn er nicht mindestens ernstlich dahin strebt, diesesoweit als möglich zu erlangen. Wir müssen dieselben zunächst hier überblicken.
Vor allem hat Jeder, der ein Thier, gleichviel welches, erfolgreich abrichtenwill, dahin zu streben, daß er sich eine möglichst gründliche Kenntniß des ganzenWesens und aller Eigenthümlichkeiten desselben, vornehmlich aber auch aller seinerBedürfnisse aneigne. Nur, wenn er einerseits die letzteren zu befriedigen unddas Thier damit nicht allein im vortrefflichsten Gesundheitszustände, munter undlustig, wenn ich so sagen darf bei guter Laune, zu erhalten vermag, nur wenner andrerseits genau weiß, wie weit die Begabung des betreffenden Thiers über-haupt reicht und nach welchen verschiedenen Richtungen hin sie sich erstreckt, fernerdurch welche Mittel und Wege sie zu erwecken und zu entwickeln und zum höch-sten Erfolg auszubilden ist — kann er wirklich des letzter« im vollen Maß sicherfreuen. Sodann ist es eine Hauptbedinguug für den Erfolg, daß der Abrichterausreichendes Verständniß für das Thier und sein ganzes Wesen habe und daßer es sich möglichst angelegen sein lasse, auf Grund seiner Kenntnisse mit demPflegling und Lehrling in ein inniges, freundschaftliches Verhältniß zu treten.Er muß es wenn möglich zu erreichen wissen, daß das Thier ihn als seines-gleichen betrachte, sich ihm also mit unbedingtem Zutrauen hingebe und ihmfolgsam sei, auch ohne Anwendung von Zwangsmitteln. Ferner muß der Abrichter