Band 
Erster Band. Von den ältesten Zeiten bis zum Jahre 1200 n. Chr.
Entstehung
Seite
81
JPEG-Download
 

Die Babylonier.

81

aufzuwerfen. Wie kam man dazu ein Sexagesimalsystem zu ersinnen,zu welchem in dem menschlichen Körper keinerlei anregende Veran-lassung gegeben war? Wie kam man ferner dazu, dem Sexagesimal-systeme ein Wort wie das Ner für 600 einzuverleiben, und so dieseMischzahl aus sexagesimalen und decimalen Vorstellungen besonderszu bevorzugen? Wir werden auf beide Fragen Antwort zu gebensuchen, erklären aber zum Voraus, dass wir hier nur auf dem Gebieteder Vermuthung uns umhertummeln, und wenn wir auch hoffeninnere Gründe unserer Meinungen beibringen zu können, doch immer-hin nur Meinungen aussprechen, füf welche die äussern Belege bisjetzt fast gänzlich fehlen.

Das Sexagesimalsystem der Babylonier hängt, glauben wir, mitastronomisch-geometrischen Dingen zusammen. So ungern wir vonunserer Absicht der Geschichte der Astronomie in diesem Werke fernzu bleiben abweichen, hier müssen wir eine kleine Ausnahme in soweit eintreten lassen, als wir von dem Alterthum babylonischerSternkunde wenigstens Einiges berichten. 1 ) Mag man die Hundert-tausende von Jahren, durch welche hindurch Plinius anderen Bericht-erstattern folgend babylonische Beobachtungen angestellt sein lässt,belächeln; mag man zunächst auch den 31 000 Jahren vor Alexanderdem Grossen mit ungläubigster Abwehr gegenüberstehen, aus welchennach Porphyrius eine Beobachtungsreihe durch Kallisthenes au Ari-stoteles gelangte; folgende Dinge stehen fest: Klaudius Ptolemäus ,der Verfasser des Almagest , wusste von einer babylonischen Liste vonMondfinsternissen seit 747. Die Sonnenfinsterniss vom 15. Juni 763ist in den assyrischen Reichsarchiven angegeben. Für König Sargon,der, wie wir sahen, etwa 1700 v. Chr. gelebt haben mag, ist einastrologisches Werk verfasst, welches der englische Assyriologe Sayceentziffert und übersetzt hat. Für eine sehr bedeutende Anzahl vonJahrestagen ist in diesem Werke, welches ■wir am deutlichsten alsVorbedeutungskalender bezeichnen, erörtert, welche Folge eine gradean diesem Tage eintretende Verfinsterung haben werde. Man überlegenun, welches statistische Material an Verfinsterungen und ihnenfolgenden Ereignissen nöthig war, um ein solches Wahrscheinlichkeits-gesetz, welches man selbstverständlich für unfehlbare Wahrheit hielt,herzustellen, selbst wenn manche Ereignisse nicht der Erfahrungsondern der Einbildungskraft des Verfassers des Kalenders entstamm-ten, so 'wird man so viel zuzugeben geneigt sein, dass wahrscheinlichmehrere Tausend Jahre vor Alexander eine babylonische Astronomiebestand, dass es unter allen Umständen zur Zeit von König Sargon

’) Eine sehr übersichtliche Zusammenstellung aller Quellen bei A. H. Sayce,The astronomy and astrology of tlie Babylonians whith translations of the fabletsrelating to these subjects in den Transaetions of the society of biblical Archaeology.Yol. III, Part. 1. London , 1874.

Cantok, Geschichte der 3Iathem.

6