Darstellung 63
in dem Künstler entsteht, er weist selbst nicht wie. Aber seine ganze Seelewirk dadurch aufgeregt, alle seine geistigen Kräfte werden dadurch in jeneslebendige Spiel versetzt, vermittelst dessen sie mit außerordentlicher Leichtigkeitund ohne Bewußtsein von Absicht und Regeln eine unendliche Menge ange-messener Vorstellungen hervorrufen und aneinanderreihen; kurz, er ist im Zu-stande der Begeisterung (s. d.). Aber hier unterscheiden wir zwei Punkte:1) des EmpfangcnS oder Auffassens des Gegenstandes, durch dessen Vor-stellung die Kräfte des Künstlers zu außerordentlicher Thätigkeit angeregt werden,und 2) die Ausbildung der Vorstellung des Gegenstandes durch Erhöhung, Erweite-rung, bildliche Vergegenwärtigung und Anknüpfung entsprechender Vorstellungen.In diesen 2 Punkten zeigt sich vorzüglich das ästhetische Genie. Was Wundernun, wenn den Künstler jetzt eine unaussprechliche Liebe für den Gegenstand seinerBegeisterung ergreift, der noch nicht wirklich, sondern erst als Keim in ihm vorhan-den ist! Hier ist die Grenze, wo der Mensch von bloßem ^chönheitSgefühl und derKünstler sich ganz scheiden. Während jener mit seiner Liebe sich rückwärts wendet,wo sie zu Sehnsucht wird nach etwas Unerreichbarem, wendet des Künstlers Liebesich vorwärts, sie wird Trieb, Das, was in ihm lebt, auch außer sich zu verwirkli-chen. Erfüllt von diesem Gedanken, unterwirft er nun die Schöpfung seiner Ein-bildungskraft dem kältern Urtheil, daS Gesetzlose erhält Gesetz, durch Verstand undVernunft. Dies ist der dritte Moment des richtigen Denkens, DrdnenS, Dnrch-schauenS, der förmlichen Entwerfung des Plans, welchen dann ein vierter begleitet,der Moment der Darstellung, wo die ästhetische Idee in die Wirklichkeit tritt, unddas Gedachte zur Anschauung wird. Alle Darstellung ist demnach Veräußerungdes Innern, sie bringt etwas Inneres zur äußern Anschauung. Der Darstel-lungstrieb des Künstlers äußert sich aber nicht unbestimmt und wirkt nicht blind.Es ist dem Künstler nicht bloß darum zu thun, daß er darstelle, sondern er willetwas Bestimmtes darstellen, den Gegenstand seiner Begeisterung, welcher ihn inden Zustand eines lebhaft ergreifenden Gefühls verseht. Von diesem Gegenständewill und erwarteter, daß er, wenn er nun in die Wirklichkeit getreten, und einGegenstand der Anschauung für Andre geworden ist, den Beschauer in einen glei-chen Zustand versetze, was ihm nur unter der Bedingung gelingen kann, wenndas der äußern Anschauung gegebene Nachbild dem Urbild in seiner Seele gleicht.Dies wird ihm aber nur in dem Maße gelingen, als er Talent und Geschick bat inAnwendung der Mittel, durch welche seine Kunst sich ausdrückt; und nur dannschreibt man ihm ein Darstellungsvermögen zu (welches aus mehren innern Fähig-keiten und äußern Fertigkeiten besteht, vorzüglich aber auf der Phantasie und Ur-theilskraft beruht). Liste schöne Kunst ist ein Reden des Geistes zum Geiste durchMittheilung mittelst des Sinnes; wer sich durch den Sinn nicht mitzutheilen ver-steht, kann den Geist nicht auSsprechcn. Wie wichtig ist deßhalb die Darstellung!Durch sie erreicht oder verliert der Künstler seinen Zweck. Man hüte sich aber, siemit der bloßen mechanischen Behandlung, mit der Ausarbeitung zu verwechseln,die nur das Mittel zur Darstellung ist, in welcher der Geisi in allen Punkten dasWerk der Hand der Idee des Geistes unterwirft. Ein Sinnlich-AnschaubareSsoll eine bestimmte Idee des GeiüeS ausdrücken und einen dieser Idee gemäßenGefühlszustand hervorbringen. Dies ist die Foderung. Erwägt man nun diesegenau, sofirdetman, daß Anschaulichkeit und Qbjectivität, Idealität und Tota-lität die Beb ngunqen sind, unter denen dieses allein bewirkt werden kann, unddaß die Täuschung (Illusion) in gewissen Künsten die unmittelbare Folge davon ist.Indem Dbjcctiviiät (Gegenständlichkeit) zur ersten Bedingung aller Darstellunggemacht wird springt in die Augen, daß es eigentlich nur die bildenden Künste sind,und unter düsen miede" vornehmlich die Plastik, welche darstellen können, d. h.Etwas als wirklichen, raumerfüllenden Gegenstand den dafür empfänglichen äußern