206
ben. Mit diesen Werken beschäftigt, haben unsere Orchester einen hohen Gradder Vollkommenheit erreicht, ja selbst unsere Dileitamenorchester sehen wir jetztSchwierigkeiten überwinden, welche sonst für unübersteiglich gehalten worden wären.Aber die riesenmäßigen Werke Beethoven '!? scheinen die Nachfolger in dieser Sphäreabzuschrecken. In den letzten Jahren ist wenig Neues in dieser Gattung erschienen,und reisende Virtuosen, denen es darum zu thun war, durch leichte Waare zugefal-len, verdrängten die große Symphonie und setzten an deren Stelle die meist charak-terlose Ouvertüre (oft eine Einleitung ohne ein Einzuleitendes). Diesem Übel kön-nen feststehende Concerte am besten entgegenwirken; aber leider besitzt Deutschland nur wenige von der Art, wie die Conceninstiiute in Leipzig und Frankfurt . DerMangel an Aufmerksamkeit einer durch Ohrenki .el verwöhnten Menge für diegrö-ßern Musikwerke solcher Art, und der daraus hervorgehende Mangel an Unter-stützung der Tonsetzer von Seiten der Musikverleger (derselbe Fall findet statt bei derHerausgabe großer Kirchenstücke und Canlaien), welche Ouvertüren, leichte Har-monien und Poipourris vor Allem verlangen, möchte jedoch in Zukunft von weitnachtheiligern Folgen sein. Denn es ist klar, daß mit dem Falle der Symphoniedie Blüthe der reinen Instrumentalmusik fallen muß. Für das Concert vermissenwir ferner jetzt sehr schmerzlich Cantake» über poetische Texte, in welchen die Con-certmusik ebenfalls einen von Kirchenmusik und Theatermusik unabhängigen Cha-rakter entwickeln könnte; aber auch hieran hat wol der Mangel stehender Concertemit Schuld. Übrigens mangelt es ebendeshalb nicht minderan Solosängcrn undSängerinnen im Concert, und man hat häufig Gelegenheit, zu bemerken, daß dieberühmtesten Theatersänger und Sängerinnen am Concertgesange scheitern, weilhier ein selbständiger musikalischer Vertrag erfodert wird, und manche Äußerlich-keiten, welche den Bühnensanger begünstigen, hier nicht stattfinden. Zur Auffüh-rung der nur für kleinere Cirkel geeigneten Instrumentalguariette, Quintette ic.haben sich an vielen Orten, z. B. in Wien, Berlin, Dresden, Leipzig w., die bestenInstrumentalisten, von den Liebhabern dieser feinen Musikgattung unterstützt, ver-einigt. Auch fehlt eü nicht an guten Compositionen, und die deutschen Musik-handlungen finden bei der Herausgabe derselben, wie überhaupt bei der Heraus-gabe leicht besetzbarer Instrumenialstücke, noch immer ihre Rechnung, besondersda die bessern Werke dieser Art häufig im Auslande gekauft werden. Auch diewahren Liebhaber der Tonkunst fühlen sich indessen oft genöthigt, über die Compo-nisten zu klagen, daß sie nur für Virtuosen ersten Ranges schreiben und der Wie-derherstellung des reinen Kunsigeschmacks durch zu große Rücksicht auf diese selbstentgegenwirken. Für das Privarstudium mangelt es nicht an guten Lehrmethodenfür Instrumentalisten, an zweckmäßigen Übungsstücken, besonders für Clavierspiel;aber die Sucht zu glänzen, aus welcher Manche Musik treiben, verleitet oft denDilettanten, nachdem Schwierigsten und Glänzendsten zu greifen; Andre führtdie Liebhaberei an gedankenlosem Ohrenkitzel zum Gebrauch schlechter Auszüge ausOpern oder mangelhafter Arrangements, zu denen die neue, aber nicht lobens-würdige Erfindung der ClavierauSzüge ohne Worte gehört. Ja wir glauben,daß das ewige Wiederholen arrangirter Musikstücke bei jeder Gelegenheit (beimKruge und bei Karten), insbesondere aber die Aufführung großer Musikwerke in densogenannten Gartenconcerten, wo man ohne eigentliche Andacht mithören muß,wie schlecht auch Gesungenes sich oft, von Instrumenten vorgetragen, auknimmt, dereigentliche Ruin und die Entweihung wahrer Musik sei, weil hier selbst das Höchsteder Musik zum Gegenstand flüchtiger Unterhaltung gemacht wirk, wo ein Tanz, einMarsch, eine Serenade und dergleichen am Orte wäre, und weil auch das Bestedadurch verlieren muß, daß es durch unvollkommene Wiederholungen als etwasGleichgültiges behandelt wird. Bei solcher überhandnehmenden Neigung zu demcharakterlosen Klingklang scheint die ausgeführte Sonate nebst den mir ihr verwand-