Band 
Dritter Band. D bis E.
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Deutsche Poesie (I. Zeitraum)

Lesen kommt. Aus diesem Grunde wird man eine tiefere Beurtheilung aufge-stell-ter Ansichten, welche bis auf die Grundlage derselben ginge und mehr als einenflüchtigen Witz oder eine trockene Bemerkung darüber enthielte, in unsern meistenJournalen oft vergebens suchen. Überhaupt legt man jetzt mehr Gewicht aufSchreiben als auf das Forschen; daher so vieles Oberflächliche und Unverdauteauch in der Philosophie, daher jenes Streben nach einer flachen Popularität, diesich klare LcbenSansicht zu nennen beliebt, und daher besonders in praktisch-.philoso-phischen Schriften, wie z. B. in der Masse von Broschüren über Staatsverhältniffe,mit welchen unsere Literatur jetzt überschwemmt wird, das Buhlen der Schriftstellerum die öffentliche Meinung, um die Sucht, den Geist der Zeit in abgedroschenen Ge-meinsprüchen zumRedenzu bringen. Überallaber, wo die gründliche Forschung nichtvielseitige Empfänglichkeit und die ihr gebührende Prüfung gefunden, hat sie sichallmälig verloren, weil die Wissenschaft nur durch regeWechselwirkungderGeistergedeiht. — Nicht minder ungünstig als die Kritik und das literarische Treibenüberhaupt, ist der gründliche» Behandlung der Philosophie gegenwärtig die Be-schaffenheit des akademischen Studiums. Meist noch unreif, und zwar mit einerMasse grammatisch-historischerSprachkennlniß, welche man Philologie nennt, aus-gerüstet, aber ohne alle oder ganz unzureichende Vorbereitung zur Philosophie,tritt die größere Zahl der Studircnden in die philosophischen Hörsäle, beeilt sich,Logik und Psychologie oder Naturrecht zu hören, um so schnell als möglich an die„Brokwissenschaften" zu kommen, zumal da in den meisten deutscben Ländern phi-losophische Prüfungen nicht eingeführt, und Logik und Naturrecht fast die einzigenphilosophischen Disciplinen sind, welche gehört zu haben man bescheinigen muß.Diesem Eilpoststudium huldigen viele Lehrer, denen es n-cht wahrer Ernst um dieSache ist, und sie sind im Stande, alle philosophische Disciplinen in weniger alsJahresfrist, mit Einrechnung langer Ferien, glücklich abzuthun, wodurch jedemgründlichern Studium der Raum benommen wird. Und doch müssen sich dieMeisten, welche das akademische Studium durchlaufen, mit solchem philosophi-schen Unterricht auf Lebenszeit begnügen, da die Wenigsten auf ein gründ-liches Privotstudium der Philosophie Zeit, Lust und Kräfte zu wenden haben.Hieraus geht hervor, wie Noth es gegenwärtig thut, dem philosophischen Ünter-richt auf Schulen und Universitäten größere Aufmerksamkeit zu widmen, damituns nicht die edelste Grundlage aller humanen Bildung verloren gehe. 41.

DeutschePoesie. Auch in ihr offenbart sich der Charakter der Deut-schen (s. Deutsche Literatur und Wissenschaft), vorzüglich durch geist-volle Tiefe und Gemüthlichkeit in einer kräftigen, bildsamen und bedeutungs-vollen Sprache. Ihre Entstehung, wie überall, viel älter als die der Prosa,fällt in Zeiten, wo die übrigen neuern Sprachen entweder noch gar nicht vor-handen, oder in Europa noch nicht eingewandert, oder in tiefer Nacht verbor-gen waren. Wir nehmen die drei im Artikel Deutsche Literatur bezeich-neten Zeiträume auch für die Geschichte der deutschen Poesie an. I. DieLieder der alten deutschen Sänger, von denen uns TacituS erzählt,gewöhnlich, wenn auch fälschlich, Bartenlieder genannt, sind verschollen. SieVertraten bei dem der Schreibekunst nicht mächtigen Volke die Stelle der An-nalen und Chroniken und pflanzten das Andenken großer Helden und Fürsten fort.Ob solche Lieder es waren, die Karl der Große sammeln und aufschreiben ließ. istvermuthet, aber nicht bewiesen worden. Doch auch von diesen Denkmälern batsich Nichts erhalten, es müßte denn das Bruchstück aus dem Hildebrandslieke, wel-ches die Gebrüder Grimm aus einer kasseler Handschrift bekanntgemactn haben(Kassel 18lH,)dahin zu rechnen sein. Nach der Einführung des Christenthumsin Deutschland, und namentlich seit Karl dem Großen, bietet die deutsche Poesie fastnichts als biblische Übersetzungen und Paraphrasen dar, die meisten nur als Sprach-st *