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Deutsche Poesie (Hl. Zeitraum)
geistreichen Wortführer einer frühern Zeit, die mindest wußten, was sie wollten,angewandelt hat, und wenn diese Empfindung nur noch verstärkt wird durch daseinzelne, obwol seltene Treffliche, was hier und da sich darbietet, so bedarf auch dieswol keiner Erklärung. Könnten uns diese Thatsachen zusammengenommen leichtin dem Glauben bestärken, als neige es sich wirklich mit dem freien poetischen schaf-fen unter uns bereits zuni Ende, so belebt wieder manches Preiswürdige, was diejüngste Zeit zum Vorschein gebracht, aufs neue den Muth und die Hoffnung. Undso wenden wir uns denn sogleich zu Dem, was in den neuesten dichterischen Erschei-nungen der Zeit Erfreuliches und Hoffnungsreiches sich darbietet, ohne das Entge-gengesetzte ganz mit Stillschweigen zu übergehen. Es kann hierbei nicht darauf ab-gesehen sein, Einzelnes zu entwickeln und zu beurtheilen, sondern vielmehr, in allge-meinen und flüchtigen Umrissen auf Das hinzuweisen, was sich uns aus den Be-strebungen der jüngsten Zeit als eigenthümlich hervorgehoben. — Schon habenAndre bemerkt, wie sich die Poesie des Tages vorzugsweise dem lyrischen Ele-mente zuneige, und achten wir auf die anschwellende Masse von Liedern und Lied-lein, die unsere Almanache und Zeitblätter Jahr aus Jahr ein zu Markte bringen;sehen wir, wie Epos und Drama dasselbe Element in sich aufzunehmen kein Be-denken tragen; nehmen wir daneben wahr, mit welcher Amsigkeit die lyrischen oderdem Lyrischen verwandten Werke des Auslandes auf deutschen Boden verpflanztwerden, so dürfte gegen die Sache selbst kaum ein Zweifel zu erheben sein. Geden-ken wir dann der letzten ereignißschweren Zeit und wie eine solche wol geeignet seinkönne, den Geist in sich selbst zurückzudrängen und ihn zu nöthigen, in dem Mittel-punkte seiner eignen Gefühle vor der Übermacht der äußern Erscheinung Schutz undRuhe zu suchen, so scheint uns auch eine der Hauptursachen gefunden, warum eSalso hat komme» müssen. Manches Andre mag mitgewirkt haben; so leugnen wirnicht, daß diese Richtung schon in einem frühern Zeiträume unserer Literatur vor-bereitet worden; so geben wir gern zu, daß es leichter sei, ein fehlerfreies Lied zudichten als ein untadeliges Epos oder Drama; und dieMittelmäßigkeit und Werth-losigkeit werden gerade durch diese Kleinarbeit in unserer poetischen Literatur immerheimischer und drohen, Raßmann's namenreiche Dichterverzeichnisse zu Bänden an-zuschwellen. Klang ohne Gedanken, wohlfeile Gedanken ohne Klang, abgenutztePhraseologie — wie viele lyrische Erscheinungen des Tages, Eintagsfliegen imstrengsten Sinne des Wortes — ließen sich auf die eine oder andre Art treffend ge-nug bezeichnen! Ob nicht auch Andres, namentlich eine gewisse Scheu vor Dem,was nian unter dem Namen Reflexionspoesie vielleicht zu unbedingt in Verrufgebracht, die Schuld mit trage, bedürfte einer ausführlichen Erörterung, zu der eshier an Raum gebrechen möchte. — Doch wir würden undankbar sein, wenn wirüber dem Unerquicklichen der Zeit das wahrhaft Erfreuliche unbeachtet lassen woll-ten. Und so genüge es, daran zu erinnern, wie auch in dieser letzten ZeitGöthe, demkeine flache Unkritik das Recht des Meisterstuhls streitig machen wird, nicht ge-schwiegen und in s. „Westöstlichen Diwan" aufs neue dargethan hat, wie leicht esihm sei, die Eigenthümlichkeit jeder Zeit und jeder Zone in sich aufzunehmen; wieTieck mit der Sammlung s. Gedichte allen Freunden des echten Liedes eine Über-raschung bereitet; wie Uhland, den wir den Trefflichsten beizählen, das Vorurtheil,als sei kein neuer Lorberkran; zu verdienen, zu Schanden gemacht; wie W. Müllerin s. begeisterten „Griechenliedern" das Auferstehungsfest eines schmachvoll unter-drückten Volks würdig gefeiert, und wie manche andre Dichter und Dichterinnen—> wir nennen Tiedge, Helmina v. Ehezy, Gr. v. Loben, Fr. Rückest, Fr. Kind,Gust. Schwab, Max v. Schenkendorf, Graf v. Platen und den König Ludwigvon Baiern („Gedichte rc.", 2 Th„ München 1829) — in Sammlungen odereinzelnen Spenden Schönes und Dankenswertstes geliefert. — Minder Erfreu-liches haben wir von den neuesten Leistungen im Gebiete der epischen Poesie zu
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