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Deutsche Poesie (III. Zeitraum)
den schwachen Kräften, die den meisten heutigen deutschen Bühnen zu Gebote stehen,so viel Verführerisches, Applaus der Menge, wenn es gelingt, oft nur durch Hülfeder Bühnenkünstler gelingt, so viel Reiz, die Aussicht auf pecuniaire Vortheile istbei der dermaligen Einrichtung, nach welcher ein dramatisches Gedicht, bevor es inden buchhändlcrische» Vertrieb kommt. mehrmals handschriftlich zu Kaufe getragenwird, so sicher, daß man sich nicht wundern darf, wenn junge Dichter, denen ein gu-tes Auskommen und das laute Lob der Menge über Alles gehen, dadurch verführt,einer Gattung sich hingeben, der sie leider nur allzuselten gewachsen sind. Daher soviele verunglückte Versuche, daher bei aller dramatischen Fruchtbarkeit die bejam-mernswürdige Leerheit unserer Theaterrepertorien. Gute Versisication und einereine Sprache findet man nun wol in den meisten jener Versuche, leider aber geltendiese unerläßlichen Erfodernifse bei Dichter und Publicum nur zu oft für Surrogateder Poesie selbst, sodaß man die Eorrectheit und Geschmeidigkeit des Ausdrucksschon hoch anrechnet und zufrieden ist, wenn hier und da ein anmuthiges Bild dieinnere Leere verbirgt. Aber wie arm erscheint nun das Meiste an wahrer Poesie, aninnerm frischen Leben, an dramatischer Vollendung. Eine bis an das Gräßliche hin-abgetriebene Unnatur, mit der man die nächstvergangene Zeit überbieten zu wollenscheint, kann doch unmöglich die echte tragische Größe ersehen! Möchten doch unserejungen Dichter, die bald von einem übermächtigen Stoffe sich erdrückt sehen, baldin geistloser Form sich selbst verlieren, endlich einmal sich entschließen, bei Shakspeareund Ealderon in die Schule zu gehen, um von ihnen zu lernen, wie nur bei der innig-sten Vermählung des Stoffes und der Form von einem Kunstw.rke die Rede seinkönne. Die Überseherlust unserer Tage kommt ihnen zu Hülfe. Ein großer Theilder Meisterwerke Lhakspeare's liegt in theilweise trefflichen Übertragungen vor AllerAugen, und auch Ealderon ist uns durch die meisterhaften Übersetzungen von Gries,Schlegel und v. d. Malsburg näher gebracht worden. So knüpfen sich auch hier wie-der Hoffnungen an, gegründet auf manches auch in verfehlten Bestrebungen nochsichtbare Talent, gegründet aber auch auf einzelne mehr oder weniger erfreulicheDichtungen, mit denen von Houwald, Werner, Grillparzer , Kind, Raupach, Dhlen-schläger, Immermann, Robert, Gr. v. Plaren u. A. in dieser letztenZeik die Leseweltund die Bühne beschenkt oder, wie v. Kleist, nach ihrem Tode noch erfreut haben.Wenn so im Felde der tragischen Poesie das Bedürfniß doch nicht ohne alleBefriedi-gung geblieben ist, so läßt dagegen der Blick auf das neueste deutsche Lustspiel kaumdie Hoffnung des Besserwcrdens aufkommen. Das ältere Gute ist zum großen Theilveraltet, das neuere will nicht zusagen. Ist das Komische aus der Zeit entwichen?Haben sich die Charaktere so abgeflacht, daß sie in ihrer Allgemeinheit der Darstel-lung Nichts mehr bieten? Ist bie Welt so einförmig geworden in ihren Verhält-nissen, daß sie nicht einmal mehr zu neuen Situationen auf der Bühne Stoff gibt?Oder hat — um das Äußerste zu sagen — der Ernst unserer Tage selbst die Lust ander Lust vertrieben? Das Letztere möchte kaum glaublich erscheinen, wenn wir derKlagen gedenken, die sich von alle» Seiten über den Mangel guter Lustspiele verneh-men lassen. Unstreitig sind diese Klagen gerecht, und wie zahlreiche Versuche auchgemacht worden sind, die fühlbare Lücke auszufüllen, so möchten dennoch Wenigezu widersprechen geneigt sein, wenn sie behaupten hören, der verschmähte und nichtohne Grund getadelte Kohebue stehe immer noch einzig da, und keiner seiner Nach-folger gebe sonderliche Hoffnung, ihn je zu ersetzen. Wenn wir auch hier das alt-englische und spanische Lustspiel als eine Schule, in der noch Viel zu lernen sei, nennenund anpreisen, so haben wir darin die vorurtheilsfreien Kenner des Alten und Neuenaus unserer Seite, aber die Versuche, welche in der neuesten Zeit bei uns darin ge-macht worden sind, scheinen noch zu sehr Versuche und zum Theil noch zu fern, umErwähnung zu finden. Daß in einer Zeit voll widerstrebender Ansichten und ver-unglückter Bestrebungen das Feld der Satyre nicht unangebaut bleiben konnte, war