221
Deutsche Prosa
natürlich, und wir hätten uns deß freuen müssen, wenn sie nicht unter feindseligenHänden zu einem Dolche geworden wäre, der gegen den Einzelnen auSstößt. JeneSakvre, die es nur mit der Sache zu thun bat, ist immer willkommen; nicht sodie bloß persönliche, die, im Dienste eines beleidigten, überspannten und krankhaf-ten Selbstgefühls und der Erbitterung, sich an dem Charakter des ZndipiduumS hä-misch und boshaft, ja selbst pöbelhaft vergreift. Wir haben nicht nöthig, Namenzu nennen, da Jedermann sie sich selbst nennen wird; aber wol wünschen wir, ohnezu den unbedingten Lobrednern einer dabingeschicdenen Zeit zu gehören, daß auchin diesem Gebiete die Gutsinnigkeit und die bessere Sitte frühererTage zurückkehre.Ein trauriges Zeichen der Zeit in der neuesten schönen Literatur Deutschlands istihre immer mehr überhandnehmende und immer frivoler werdende Ausländerei.Die Ebbe der deutschen Poesie, das Gefühl des Mangels an etwas wabrhast Gro-ßem, durch Eigenthümlichkeit und Vollendung Epoche Machendem im Vaterland?,wandte unsere Blicke vorzüglich nach England, wodurch Byron, Scott undMooreeine neue Periode der Poesie auf eine glänzende Weise erschaffen worden war.Diese Theilnahme des Deutschen an deni wahrhaft Großen und Neuen in der Lite-ratur einer fremden vielfach verwandten Nation konnte an und für sich nicht tadelnS-werih scheinen, aber sie artete gar bald in Überschätzung und modische Begier aus,und sich nicht beschränkend auf die Meister, führte sie wetteifernd auch des Schü-lerhaften, welches jenen beliebten Geistesrichtungen des Einen oder des Andern vonden Cborführern nachlief, nicht ohne Nachtheil und Ungerechtigkeit für deutsche Originalprotucte in Nachdrücken, Übersetzungen und Nachahmungen zu uns über.Da diese Anglomanie bald Mode wurde und durch die Scott'schen Romane auchdie große Lesewelt ergriff, so konnte es nicht fehlen, daß die buchhändlerischeund schriftstellerische Speculation dadurch rege wurden, und die Übersehungskunstging auf diese Weise in schnellem Fabrikwesen unter. Die Beispiele davon liegenleider zu sehr am Tage, als daß wir sie namentlich anzuführen brauchten. DasTaschenauSgabenwefen und der Wetteifer in Wohlfeilheit der Drucke brachten diesesFabrikübersetzen immer tiefer herunter, und so wuide nicht nur das ausländischeOriginal, sondern auch die Ehre der deutschen Literatur durch dergleichen Arbeitenund Unternehmungen geschändet. Frankreichs Modeliteratur blieb nun auchnicht zurück, und da sie weniger reich und anziehend als die englische ist, so müssendie alten Classiker derselben sich wol auch in die liederliche Übertragungsjagd derTaschenbibliotheken fügen, ja selbst die alten Heroen der Poesie, Cervantes undShakspeare, hat man auf solche Weise für die Gemeinheit des großen Modege-schmacks zurechtgemacht. Meyer'S sogenannte freie Bearbeitung des Shakspeareist das Nonplusultra Dessen, was auf diesem Felde frecher Unverstand zu leistengewagt hat. — Dabei gedenken wir aber auch Dessen, was in diesen letzten Jahrendie deutsche Literatur aus dem Auslande in würdigen Übertragungen empfangenhat, und vor Allem,des „Dante" von K. Streckfuß. Tieck ist damit beschäftigt,A. W. Scblegel'S Übersetzung des Shakspeare zu revidiren und vollständig zumachen. Schätzbare Erweiterungen unsers poetischen Horizonts sind die Über-tragungen von Volksliedern, wie Talvj uns solche aus Serbien , W. Müller ausdem neuen Griechenland nach Fauriel's Sammlung und Rhesa aus Lithauen ge-liefert haben. 50.
Deutsche Prosa. Dem, was wir in d. A. Deutsche Lite raturvon dieser gesagt haben, fügen wir noch Folgendes hinzu. Die deutsche Prosawurde durch Herrschaft der fremden, d. i. der lateinischen und romanischen Spra-chen, lange Zeit von derjenigen Ausbildung zurückgehalten, welche jede Spracheerst als Schriftsprache erhält. Die ersten Beiträge zur Bildung derselben findenwir in den Übersetzungen (vom 11. Jahrh. an). Ein freieres Feld eröffnete sich ihr,seitdem man deutsch predigte (denn die Kanzelberedtsamkeil ist fast der einzige Zweig