Band 
Dritter Band. D bis E.
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Deutsches Theater

einzigen von der geschinackbestimmenden Capitale (wie in Frankreich ) als normalaufgestellt sehen, sondern im Gegentheil meist, jedes seinen eignen, vonParticular-ansichten oder individuellen Verhältnissen bestimmten Kunstweg gehen, freilich nichtimmer zum Vortheil der Kunst, jedenfalls aber doch zum Vortheil einer auch nichtimmer unerquicklichen Vielseitigkeit. Diese Vielseitigkeit, sowol in den Bestrebun-gen als in den Leistungen, ist denn auch der charakteristischeUnterschied aller deut-schen Bühnen, sowol unter sich als zusammen, gegen die Theater in den großenStädten des Auslandes, und sie bieten hierin, indem fast jedes seine eigne Bahnverfolgt und in einer oder der andern Gattung der aufzuführenden Sachen sich aus-zuzeichnen sucht, dabei aber doch alle (mitAuSnahme der beiden wiener eigentlichenHoftheater, von denen das eine ausschließlich dem recitirenden Drama, das andreder Oper gewidmet ist) durch das Bedürfniß und den Geschmack des PublicumS ge-zwungen sind, in allen Darstellungsfächern wenigstens Etwas zu leisten, eine wahr-haft bewundernswürdige Verschiedenheit in der Einheit, und Einheit in der Ver-schiedenheit dar. Zum Vortheil der Kunst an sich, sowie zum Vortheil der künst-lerischen Ausbildung ihrer darstellenden Mitglieder, gereicht dies verschiedenartigeStreben, welches jede deutsche Bühne ihrer Stellung nach haben muß, allerdingsnicht ; denn theils wird dadurch die nicht immer bedeutende Kraft des Ganzen, die,würde sie gut geleitet, aufeinen Zweig ausschließlich gerichtet, immer noch Ersprieß-liches gewähren könnte, zersplittert, theils wird auch dadurch, daß die Darstellen-den häufig gezwungen sind, in den von einander abweichendsten Dingen auftutreten,nicht allein manches Talent von seiner wahren Bahn abgelenkt, sondern auch beiden Schauspielern jener unselige Hang, in Allein zu glänzen, genährt, welchemwir die Masse von Allesspielern verdanken, die in keinem Fache etwas Tüchtigesleisten. Es ist dies aber in neuerer Zeit bei weitem schlimmer geworden, als es nochvor einigen Decennien war; auf den mehrsten Theatern reichen Fonds und Kräftenur eben aus, die gesteigerten Anmukhungen der Zuschauer, sowie die gegen sonstungeheuern des Personals, nothdürftig zu befriedigen, fast kein andres Mitgliedfindet mehr Anstellung als ein solches, welches in allen Fächern und in allen Artender Darstellungsweise heriimzupfiischen versteht und heute denThaddätel in einerZauberoperette, morgen den Chevalier im ConversationSstück und übermorgen einentragischen Heros hergeüiculirt. — Bei den Bühnen der großen und volkreichenStädte, die sich zum Theil mit dem Prädicat: „Hof" und „National" zu schmü-cken pflegen, ist dies nun zwar in Betreff der Mitglieder nicht ganz so, jedoch inBetreff der von dem Ganzen verlangten Leistungen. Auch hier sieht man auf den-selben Bretern, wo vielleicht gestern der geharnischte Geist vor meist leeren Bäxkenvorüberwandelte, heute „Unser Verkehr", oder den „Stralauer Fischzug" toben,und wenn auch nicht gerade was singt und trillert, in der Tragödie und im recitiren-den Drama überhaupt auftritt, so fehlt es doch nicht an sogenannten Universalge-nies, die bald als Frau Ruskachel das Paradies, bald als Lear die Logen entzücken,den Kenner aber und echten Kunstfreund bedauern lassen, daß sie ihr großes herrli-ches Talent so zersplittern. Nicht minder ungünstig, wie diese eingerissene Viel-seitigkeit sowol unter den Darstellern selbst als in Betreff des Darzustellenden, istzuweilen auch die scheinbar die Kunst begünstigende Auszeichnung, welche sie inneuern Zeiten mehr wie früher von den Großen der Welt genießt. Oft schwandschon — dieErfahrung mancher Orte bezeugt dies — mit dem Prädicat „Hof" derGeist von den Bretern, welcher allein im Stande ist, die Täuschung wahr, dasalte und traurig Wahre zur poetischen Erscheinung zu machen, und nicht seltenglaubt der Vorsteher, sowie der Künstler, der seinem Namen und Stande jenes dieMenge imponirende Wörkchen vorsetzen kann, sich der Mühe überhoben, die Ach-tung eben jener Menge durch künstlerische Anstrengung erst noch zu verdienen. Werdein Hofe dient, kann nicht immer und in allen Fällen der Kunst dienen, denn