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Neunter Band. R bis Schu.
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Rationalismus

gen mehrer Philosophen, z. B. Sokrates, Plato , Leibnih und Kant, selbst inunserer Vernunft schon Ahnungen davon sinden, so können sie doch nicht, als gegendie Vernunft streikend, verworfen werden, ohne deshalb bloß VernuiBreligion zuseni. Nichts Äußeres können wir begreifen ohne das Innere, zumal geistige Er-scheinungen vermögen wir nur aus unserm eignen geistigen Leben zu verstehen.Keine Sprache verstehen wir ohne die allgemeine Grammatik, die nur m uns selbst ^liegt, keine» Denker ohne die allgemeine Logik; die Kunst besteht hier also darin,das Besondere aus dem Allgemeinen zu deuten, ohne es doch in dieses aufzulösen.Aber die Möglichkeit einer Offenbarung im gewöhnlichen Sinne zugestanden, somuß doch im Menschen ein Vermögen liegen, dieselbe aufzufaffen. Ja, er mußauch die Kraft haben, Religion in sich zu erzeugen; denn noch ehe die göttlicheOffenbarung in die Welt getreten war, haben die Völker ihre Religion, wenngleichunrein, gehabt, und noch jetzt, fern vom Lichte des Christenthums, mitten imDunkel der Wildheit, sinden wir die schwächer» oder stärker» Schimmer des reli- ^giösen (Klaubens. Wie man diese Anlage zur Religiosität auch nennen möge. na- -türliche Religion oder Vernunftglaube, es geziemt dem nachdenkenden, gebildetenProtestanten, darüber in« Klare zu kommen, und die in aller Menschen Vernunftliegende Wahrheit mit der göttlichen Lehre Christi zu vergleichen, ob zwischen ihnenWideistreit sei oder Übereinstimmung. Es gilt hier das Verhältniß des Allgemei- - 'neu zum Besondern; im Christenthume erscheint das Allgemeine und Ewige der §Religion, zwar in der größten Reinheit und Vollkommenheit, aber in einer beson-dern Gestaltung. Die Kunst der echten Schriftauslegung, sowie der ganzcn histo- jNischen Theologie, wird sein, das Allgemeine im Besondern zu sinken, und dieses 'aus jenem zu verstehen; wo hier und da noch Dunkelheit bleibt, zu warten des -jHerrn und seines Lichtes. Nur wer mit den ewigen Ideen der Vernunft vertraut 'ist, wird in den Geist des Christenthums eindringen können. Der Eniwurf, daß -so das Göttliche und Ewige dein menschlichen Urtheile unterworfen und unter dieHerrschaft des Verstandes gestellt werde, beruht auf einem Mißversiändniß. DerVerstand soll ja nicht die ewigen Wahrheiten der Religion erfinden und schaffen, ,sondern nur als nothwendig in uns liegend anerkennen. Der Glaube ist von Gott,er ist das geistige Band, das uns mit der unsichtbaren Welt verbindet und überuns selbst emporsieht. Der Mensch kann nichts davon und nichts dazu thun; aberer vermag nicht nur dessen gebeimen Regungen im lebendigen Gefühle zu folge»,sondern auch sich desselben in klarer Eelbstanschauung bewußt zu werden. DemMenschen ist ein inneres Auge gegeben, durch welches er, wenn er die verschiedenenTätigkeiten und Lebensäußerungen des Gemürks verfolgt, in der Tiefe des innernLebens den Quell entdecken wird, aus welchem jene himmlische Flamme, die Alleserwärmt und erleuchtet, hervorbricht. Entdecken wird er sie, aber nicht ergründen.

> Auch der Einwurf ist nicht zu fürchten, daß wir durch jene Forschungsart undAnsicht das Christenthum zu einer bloß menschlichen Erscheinung herabwürdigten,indem wir in ibm nur die ewigen Wahrheiten des DernunfiglaubenS, und nochdazu in einer zeitlichen Gestalt wiederfänden. Allein nennen wir nicht Das gött-lich, was hoch über allem Wandel in ewiger Klarheit und Hoheit strahlend, unsüber unser wandelbares zeitliches Dasein, über die vergänglichen Erscheinungen undBestrebungen des Menschenlebens emporhebt zur Erinnerung an unser ewigesSein, an unsere höhere Abkunft und an den heiligen Urguell aller Dinge, und wasuns eben dadurch läutert, stärkt, beruhigt und heiligt? Wo anders abnen wirGottes Werk und Spur, als wo wir, von Gedanken des Überschwenglichen undUnergründlichen ergriffen, uns über die Schranken des endlichen Seins und derendlichen Betrachkungsart der Dinge aufschwingen zu einer Höher» Anschauungim Glauben und in der Ahnung? Und so erkennen wir im Christenthumeeine göttliche Erscheinung, weil wir in ihm die erhabenen ewigen Ideen des Glau-