Reformation (Folgen der) 01
gen nur nach und nach, und nie ohne Beisaß menschlicher Schwachheit, zur wirk-,lichcn Ausführung. — Wollen wir das Zeitalter der Information und den steift,der die erste Generation ihrer Freunde beseelte, richtig beurtheilen, so erkennen wirdarin die Zeit des Kampfes und der Absonderung, wo neben dem stillen Wirken desneuen Lichts doch auch starke Leidenschaften sich gegen die stets geschäftigen Feindeund falschen Brüter in Bewegung setzten, und — da nun einmal der Funke derWahrheit in den Gemüthern gezündet hatte — Viele in der Hitze ihres Eifers fürdie Behauptung des Errungenen lieber handeln und streiten, als ruhig planmäßigordnen mochten. Daher auf Kanzeln und in Flugschriften das heftige Schmähengegen Andersdenkende, das, wol durch die Drohungen, Hiewaltthaten und Ränkeder Gegenpartei genugsam herauSgefodert, durch den derben Ton und kriegerischenGeist des Zeitalters entschuldigt, aber der innern Ausbildung des ProtestantiemnSimmer hinderlich war. Daher die Übereilungen stürmischer Vcrbefserer, welchedie Reformatoren nicht unschädlich machen konnten, ohne von den Formen des ver-drängten Cultus um der Schwachen willen mehr beizubehalten, als eine folgerich-tige Anwendung ihrer Gruntzüge zugelassen hätte. Daher jene Meinungskrieg«der Theologen, die nicht nur das Zusammenwirken der schweizerischen Refoimato-ren Mit den sächsischen hinderten, sondern auch gewissen minder wesentlichen Lehr-sätzen eine vorübergehende Wichtigkeit gaben, welche in den später bestimmtenLehrbegriff, besonders der Lutheraner, merkliche Mißturhältnisse und Muttermälerder Zeit seiner Entstehung gebracht hak. Gerecht waren die starken Erklärungen,mit denen die echten Protestanten sich von allem Zusammenhang ihres Merkes mitden Ausschweifungen' der Wiedcrtäufer, den Schwärmereien der Schwcnk-feldianer und den Willkütlichkeiten der S ocinianer (s. dd.) losgesagt haben.Diese wol durch die Reformation veranlassten, aber von ihrem schrifiinäßigen Wegeabgewichenen Sekten näherten sich eist nach viele» Verirrungen dem Geiste deswahren Protestantismus in einige» Punkten, ohne ihren Grundirnhümern zu ent-sagen. . Aber daß im Gedränge jener Streitigkeiten der Glaube manches evangel.Theologen in Halsstarrigkeit und Vorurtheil ausartete: daß die unselige Sekii-rerei, ja die Derkeßcrungssucht sich bei einigen einschlich; daß hauptsächlich dieseUnart, die in den adiaphorisiischen und interimistischen Händeln von lutherischenZeloten heftig angefeindeten sogenannten Adiaphora — Altäre, Lichter, Bilder,Meßgewänder, Chorhemden, Oblaten, Pnvaibeichte, Exorcismus, und selbst dieStellung der Worte „Vater' Unser" statt „Unser Vater" — in Folge der krrpto-calvinischen Unruhe» zu Parteizeichen der Lutheraner machte: dies kann hur iunso weniger verschwiegen bleiben, je unverbalinißmäßigern Werth man diesen Din-gen beinahe 2 Jahrhunderte hindurch beigelegt hat. War jedoch das Streitenin machen der Religion überhaupt ein aus der alten Kirche geerbtes Übel, dem dieReformation nur neue Gegenstände geb, so konnte es ani wenigsten da unterblei-ben, wo eine neue Form des Glaubens zur Gewißheit und Gültigkeit kommensollte. Wie viel es zur Erreichung dieses Endzwecks beigetragen, wie heilsam esauf die genauere Bestimmung einzelmr Theile der Lehre gewirkt, welche lebhafteTheilnahme für die Religion es rege erhalten hat, ward Zeder gestehen, der nichtbloß die schlimmen Seiten und nachtbeiligeu Folgen jener Handel hervorheben will.Auch unterschied sich ihr Gang und Cbaiakter meist durch religiösen Ernst und ge-wissenhaften Eifer von bet» thörichten Gezänke der philosophischen Schulen, undnie bemächtigten sie sich der protestantischen Kirche in solchem Umfange, daß nichtunzählige Prediger mit ihren Gemeinden den Legen der Reformation ungestörtgenossen und in Übungen lauterer Frömmigkeit Geist und Her; zum Gmeu gestärkthätten. Immer blieb in den Zeiten nach der Reformation cnifrichnge Religiositätder herrschende Charakter der Protestanten, freilich bei beiden Pai reien nicht aufgleiche Art. Denn daß die Evangelisch-Lutherischen in ihrem Begriffe vom Abend-
Lvnvktsanvnsi Lex'icvii. Bd. IX. 7