Band 
Neunter Band. R bis Schu.
Seite
454
JPEG-Download
 

454

Rückert

nasium s. Daterst. gab ihm die erste geistige Bildung, und Jena zählte ibn einigeI. lang zu s. akademischen Bürgern. Hier widmete er sich keiner Facultä'swissen-schafft sondern schweifte in dem weiten Gebiete Philolog, und belletrist. Studien um-her, und trat 1811 alsPrivatdocent, aber nur auf kurze Zeit auf, nachdem er eineHabilitationsdisseriation über die Sprache geschrieben. 181511 hielt er sich zuStuttgart auf, nahm Theil an der Redaction des Morgenblatts und begab sich vonda nach Italien. Er brachte den größten Theil 1818 in Rom und Aricia zu, unterandern Studien und Liebhabereien auch dem ital. Dolksgesonge nachspürend, vondeni er schöne Blüthen in s. Tagebüchern mit nach s. Heimath gebracht hat. Imfolg. I. ließ er sich in Koburg nieder, wohin s. Familie sich schon früher versehthakte. Hier privausirte er, den Musen in dem Schoße einer glücklichen Häuslich-keit opfernd, undauf seiner Ottomane reinen Osten kostend". Eifrig beschäftigtMit den Sprachen des Orients, scheint er dem Westen sich immer mehr zu entfrem-den, was die Freunde s. Muse, die diesem Einflüsse nicht entgehen kann, mit Be-dauern bemerken. Zuletzt ist er als Prof. der orientalischen Sprachen, unter' wel-chen er das Arabische und Persische niit großem Erfolg betrieben hat, 1826 a uf dieUniversität Erlangen berufen worden. R. gehört als lyrischer Dichter zu den aus-gezeichnetsten Erscheinungen in der deutschen Literatur der gegenwärtigen Pe riode.Seine schriftstellerische Laufbahn eröffneten:Deutsche Gedichte von Frci'MundRaimar" (u. A. dieGeharnischten Sonette" enthaltend), welche 1814 gedrucktwurden. Als 2. Th. schließt sich dieser Sammlung an, derKranz der Zeit'" l.'Mter d. N. Friedrich R.'S; Stuttgart 1817). Ein Jahr früher war ebendasi er-schienen:Napoleon, eine polit. Komödie in 3 Stücken. 1. Stück: Napoleon und der Drache" (von Fr. Raimar). Von denÖstlichen Rosen" (Leipzig 1822)haben wir 3 Lesen erhalten. Außerdem liefern viele Taschenbücher Gedichte dessel-ben; namentlich dieUrania ", dasTaschenb. zum geselligen Vergnügen" (beiGleditsch), dieAglaja" und dasFrauentaschenb.", dessen Redacteur er einige I.lang gewesen ist. Auch hat er die Makamen des Hariri frei bearbeitet, und u. d.T.:Die Verwandlungen des Abu Seid" (so heißt der Held des Werks, ein Re-präsentant arabischer Bildung, Poet, Schönredner, Prediger, Landstreicher,Bettler und Gauner), geistreich ins Deutsche übertragen (1. Thl., Tübingen 1826). Die lyrische Muse Fr. R.'S ist vielleicht die vielseitigste, aber freilich auchdie unsteteste und bunteste, welche je zu deutschen Versen begeistert hat. Über-schauen wir, was sie in ungefähr 10 I. gegeben hat, mit einen, Blicke, so möch-ten wir meinen, eine Musterkarte von allen lyrischen Dichtungsarten darin zu er-blicken, welche seit Jahrhunderten auf dem deutschen Parnaß geübt worden sind.Die politischen Volkslieder in den beiden ersten Gedichtsammlungen, die zarten undüppigen Ghaselen des Orients, die kunstreich geketteten Terzinen, die Sonette inHarnischen und in spanischer Galla, möchten etwa die Grenzlinien des Gebiets bil-den, auf welchem R.'S Muse sich bewegt. Dazwischen schwärmen aber noch kleineRüornclle, Sicilianen, Vierzeilen, Distichen umher, und das Lied der Nibelun-gen läßt sich in dem Gewirre init einigen derben Nachklängen auch vernehmen. Esist schwer, alle diese verschiedenartigen Producte zu einem Mittelpunkte zurückzu-führen, in dem sie ihren Ursprung nehmen und ihre Verwandtschaft wiederfinden.Uns scheint in R.'S Poesie der Geist über das Herz entschiedener zu herrschen, alswir es in der lyrischen Poesie fodern und erwarten. Phantasie und Witz glänzenam vortheilhaftesten in allen s. Gedichten, und nur wenige sprechen uns mit derKraft und Innigkeit des Gemüths an, die uns z. B. in den Göthe'schen Liedernfortreißt oder beruhigend festhält. Phantasie und Witz haben aber, ihrer Naturnach, keine natürlichen, in der Individualität des Dichters begründeten Grenzen,wie dies mit dem Herzen der Fall ist. Daher kann R. dichten, was und wie ernur will, aber es fehlt ihm in dieser oft bis zum Fabriciren überspannten Virtuo-