465
Zeichnungskunst
Sie spricht mehr zum Sinn als zu den Sinnen. Man kann schon bei den frühestenBersuchen im Zeichnen verschiedene Epochen annehmen, die sich fast bei allen Na-tionen wiederholen. 1) Bezeichnete man die Gegenstände nur durch rohe formloseLinien, z. B. ein Oval war ein Köpfte. 2) Um solche Zeichnungen mehr in die Au-gen fallend zu machen, füllte man den Um, iß mit schwarzer oder andrer Farbe ausund zeichnete dann in diesen schwarzen Schattenriß mit Weiß die Augen und Augen-braunen, Nase, Mund und Haare. Zu diesen Abbildungen schrieb man Namen underklärende Worte, wie wir sie auf den ältern Basen finden. Diese Sitte wurde beiden Griechen selbst in den blühenden Zeiten der Kunst beibehalten, denn die Figurender großen Gemälde des Polygnot in der Lesche zu Delphi waren durch Überschriftenbezeichnet. Zu der 3. Epoche fing man schon an, die noch schattenlosen Zeichnungenzu illuminiren; man gab nämlich die Farben der verschiedenen Gewänder an, aberAlles völlig flach. So stickten Helene und Andrvmache in Homer 'g Gesängen ihreTeppiche. In der 4. Periode bemerkte man bei dieser Flachmalerei den Mangel derRundung. Ardices und Telephones (wahrscheinlich erdichtete Namen) fingen an,durchras Schroffsten inwendig die Rundung der Körner auszudrücken. So zeich-nete in neuerer Zelt Polidor di Carravaggio mehre Frescos in Rom , wo er sich miteiner einzigen Farbe begnügte, die Schatten aber durch Schraffirungen ausdrückte.Man nennt diese al r^islliio oder pviniur«^ !,nol,<-e5. Dies-' Manier zu zeichnenwar aber äußerst hart. PhilokleS und Kleanthes erfanden die Monochromen odereinfarbigen Gemälde (die nicht mit den Monogrammen, oder mit Linien skizzirienZeichnungen, zu verwechseln sind); bei den Monochromen wurden die Farben mitWeiß gemischt, so glich dies der Manier, welche man setzten eanwven nennt. Die«bildete den Übergang aus dem Zeichnen in das eigentliche Malen, wclchessich durchdas volle Bedecken des Hintergrundes von der Zeichnung unterscheidet. Die Griechenwaren sehr streng und genau bei ihrem Unterricht im Zeichnen; PamphiluS, der Leh-rer des Apelles, verlangte, daß seine Schüler 10 Jahre bei ihm aushalten mußten.Man konnte 8 Lehrstufen annehmen: in der ersten wurde Festigkeit der Hand unddes Striches erworben, die Lehrlinge mußten Mit Griffeln auf Tafeln zeichnen, diemit Wachs überzogen waren; in der zweiten studinen sie die Feinheit und den zartenSchwung der Striche, indem sie mit dem Griffel aufgeglätteten Buchsbaumtafelnund bisweilen auch aufMenibronen oder zubereiteten, mit Wachs überzogenen Thier-fellen arbeiteten. In der dritten Lehrepoche mußten sie Leichtigkeit und Freiheit er-werben; hier wurde der Pinsel statt des Griffels genommen, und mit ikm ausweißeTafeln schwarze oder rothe,chuf schwarze Tafeln weiße Skizzen aufgetragen. Hierzunahm man auch oft gekreidete oder gegvpste Tafeln. Die Linearzeichnung wurdezur höchsten Vollkommenheit gebracht, und in ihr verherrlichten die größten Meisterihren Triumph. Der Wettstreit des Apelles und PrologeneS, in solchen mit ringe»meiner Zartheit und Leichtigkeit hingeworfenen Linien, ist bekannt. Diese Feinheitund Reinheit der Umrisse ist auch der Hauptvcrzug aller berühmten Vaftngemälde;etwas Hartes und Trocknes erhielten selbst die auf solche Umrisse ausgeführten Ge-mälde, und man kann wol behaupten, daß diese Art zu zeichnen , durch den Einflußder byzantinischen Schule auf das westliche Europa , auch deiffrühern trocknen undmagern Styl der aliitalienischen sowol als alldeutschen Schule veranlaßte.
In der neuern Zeit lassen sich die Arten zu zeichnen in 3 Hauptgatrungen ein-theilen : mit der Feder, mit der Kreide und mit Tusche. Man zeichnet theils auffarbiges, theils auf weißes Papier; bei dem erstecn werden die Lichter mir weißerKreide aufgesetzt, bei letztem» aber werden sie ausgespart. Die Federzeichnungenhaben stets etwas Hartes, Ungefälliges, doch geben sie der Hand Sicherheit undLeichtigkeit; besonders nützlich sind sie für Landschaftszeichner. Es gibt zweierleiArten von Federzeichnungen: entweder wird an der Schattenseite die Zeichnung mitSchraffirungen verstärkt, oder es werden nur die Umrisse mit der Feder angegeben,Eoliversations-rekicvn. Bd. All. 30