Band 
Fünfter Band. H bis Jod.
Seite
92
JPEG-Download
 

92 Hardouin Harem

Rechtskunde, in der Naturwissenschaft, in der hohem Mathematik und in derPhilosophie; doch herrschte bei ihm stets die Poesie vor. Phantasie und Gemüthspiegelten sich in allen seinen Werken, die leider meist nur Fragmente, nur An-deutungen Dessen sind, was ex gewollt hat. Alle sind von der heiligen Schönheitder christlichen Religion innig durchdrungen; dabei ist er im Geiste dieser Religionmild und tolerant, und bei der Tiefe der Gedanken zeigt sich immer eine hohe Ein-fachheit der Form. Es ist ein Verlust für unsere Literatur, daß sein RomanHeinrich von Dfterdingen", dessen originellen Werth sein Freund L. Tieck unsangedeutet hat, unvollendet geblieben ist. H. wollte nach Vollendung des Dfter-dingen noch 6 Romane schreiben und darin seine Ansichten der Physik, von denendieLehrlinge zu Sais" (im 2. Bde. seiner Schriften) den Anfang bilden, desbürgerlichen Lebens, der Handlung, der Geschichte, der Politik und der Liebe nie-derlegen. Am herrlichsten offenbarte sich sein Gemüth in denHymnen an dieNacht", mit denen er auch in Hinsicht auf die Ausführung am meisten zufriedenwar. Wessen Her; haben nicht seine geistlichen Lieder in manchen trüben Stundenangesprochen! Diese Lieder waren der Anfang eines christlichen Gesangbuchs, zuwelchem der Dichter ebenfalls Predigten über die wichtigsten Ansichten des Chri-stenthums schreiben wollte. Die größte Hälfte des 2. Theils seiner Schriften(Berl. 1814, 2 Thle., 3. Aufl. ebend. 1816) besteht aus Fragmenten, inwelchen sich sein vielseitiger und tiefer Geist mit der gemüthlichsten Liebe aus-spricht. Auch hatte er den Plan zu einem encyklopädischen Werke entworfen,in welchem Erfahrungen und Ideen aus den verschiedenen Wissenschaften sichgegenseitig erklären, unterstützen und beleben sollten. Über ihn s. Schlichte-groll'SNekrolog der Deutschen ", 4. Bd. bb.

Hardouin (Jean), einer der gelehrtesten und zugleich paradoxesten Män-ner, geb. 1646 zu O.uimper in Bretagne , trat in den Jesuitenorden und studirteaußer der Theologie Geschichte, Münzkunde und gelehrte Sprachen. DiesenWissenschaften widmete er sein Leben. Er starb zu Paris 1729. Um die Auf-klärung der alten Münzkunde hat er große Verdienste; seine Ausg. der Reden desThemistiuS , noch mehr seine für die damalige Zeit vortrefflich ausgestattete Ausg.des Plinius (Hauptausg. Paris 1685, 5 Bde., 4., und 1723, 2 Bde., Fol.) stehennoch jetzt in hohem Ansehen. Das merkwürdigste Paradoxon, das er mit großemScharfsinn IN s.lliirouoio^ia ex Iiumniiz nutigni; lestitnla" und in s.?> !>Ie-Aonieun, <iel e^iumr-un vctcrnm «or'iptnruin" auszuführen wußte, war die Be-hauptung, daß nicht nur die meisten der für alt gehaltenen Münzen neuern Ur-sprungs, sondern auch die Schriften sämmtlicher alten Kirchen- und Profanscri-benten, mit Ausnahme der Werke des Cicero, der Naturgeschichte des Plinius, derGeorgica Virgils und der Satyren und Episteln des Horaz, von Mönchen des13. Jahrh, verfaßt und untergeschoben seien. Nach ihm ist die Aneide das Mach-werk eines Benedictiners jener Zeit, der allegorisch die Reise St.-Peters nach Rom hat beschreiben wollen, wohin übrigens nach seiner Meinung dieser Apostel nie ge-kommen sei. Die Angeflochtene Erzählung von dem trojanischen Brande beziehtsich auf die Zerstörung Jerusalems und auf den Sieg des Christenthums über dasZudenthum. Diese Behauptungen mußten ihn in große Streitigkeiten verwickeln;aber alle Widerlegungen waren nicht vermögend, ihn von der Unstattha"ftigkeitseiner Sätze zu überzeugen. ^

Harem nennen die Mohammedaner den Theil des Hauses, wo die Frauenabgesondert von den Männern wohnen. Zeder M iselmann darf vier rechtmäßigeFrauen und eine willkürliche Anzahl Beischläferinnen halten, die, im Hinter-gebäude wohnmd und von hochummauerten Gärten eingeschlossen, unter Aufsichtschwarzer Verschnittener und alter Hofmeisterinnen stehen. Diese Einrichtung istjedoch nur den Reichen und Vornehmen möglich; der Geringere begnügt sich in der