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9 (1867) Handbuch der physiologischen Optik / H. Helmholtz
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ZWEITER ABSCHNITT. ÜIE LEHRE VON DEN GESICHTSEMPFINDUNGEN.

§ 17 .

auch ein elliptischer gefleckter Lichtschein, den Purkinje 1 bei dunklem Ge-sichtsfelde erblickte!, wenn er mit dem Druck der Augenlider plötzlich naeh-liess. Damit die Erscheinung zu Stande kam, war es nötliig, dass kurz vorheräusseres Licht auf das Auge gewirkt hat. Ich seihst kann sie nicht sehen.

Durchschneidung und Zerrung des blossgelegten Sehnerven hei Hun-den ruft keine Schmerzensäusserungen hervor, während die gleichen Ver-letzungen ebenso starker Hautnervenstämme die allerheftigstcn Schmerzen er-regen. Beim Menschen wird durch krebsige Entartungen des Auges zuweilen dieExstirpation des Augapfels nötliig. Wenn der Sehnerv in solchen Fällen nochnicht selbst entartet ist, werden im Augenblicke der Durchschneidung des Seh-nerven grosse Lichtmassen gesehen 2 , während die Kranken dabei etwasgrösseren Schmerz haben, als bei der Durchschneidung der übrigen benachbartenThcilc. Dass die Durchschneidung des Sehnerven ganz ohne solchen Schmerz,wie ihn die Tastnerven empfinden, vor sich gehen sollte, dürfen wir nicht er-warten, da wenigstens die übrigen grösseren Nervenstämme ihre Nervi nervorumhaben, besondere empfindende Fasern, die ihnen ebenso gut zukommen, wieallen übrigen inneren Tbeilcn des Körpers, und welche ihre örtliche Em-pfindlichkeit vermitteln. Bei den vorderen Wurzeln der Rückenmarksnerven,durch welche nur motorische Fasern aus dem Riiekenmarke austreten, kannman naehweisen, dass solche Nervi nervorum ihnen aus den hinteren sensiblenWurzeln zugeschickt werden. Wenn der Nervus ulnaris hinter dem innerenEllcnbogenhöcker gestossen wird, giebt sich die Reizung der durchlaufendenFasern des Nerven durch einen Schmerz kund, der scheinbar im Verbreitungs-bezirke des Nerven am fünften und vierten Finger stattfindet, während einanderer Schmerz an der gestossenen Stelle selbst, welcher unangenehmer ist,als wenn nur die Haut getröden wäre, den Nerven des Nervenstammes zuge-schrieben werden muss. Ebenso fühlen wir, indem wir am äusseren Augen-winkel den Augapfel drücken, örtlich den Schmerz des Druckes mittels derempfindenden Nerven dieser Stelle, und sehen einen Lichtschein, den wir in dieGegend des Nasenrückens verlegen. Etwas Aelmliehes kann bei der Reizungdes Sehnervenstammes Vorkommen.

Dass der Sehnerv und die Netzhaut, welche fähig sind, ein so feines Agens,wie das Licht ist, zu empfinden, gegen die gröbste mechanische Misshandlungziemlich unempfindlich bleiben, d. b. keinen in das Gebiet der Tastempfindungengehörigen Schmerz empfinden, erschien früher als ein wunderbares Paradoxon.Die Lösung ergiebt sich einfach daraus, dass die Qualität aller Empfindungendes Sehnerven in den Kreis der Lichtempfindungen gehört. Es fehlt ihm alsonicht die Empfindlichkeit, aber die Form der Empfindung ist eine andere.

Sehr mannigfaltig ist ferner das Gebiet der Lichtempfindungen aus innerenUrsachen. Es gehören dahin eine Menge von Lichterscheinungen im Gesichts-felde, welche in allerlei Krankheitszuständen des Auges oder des ganzen Körpersauftreten, bald über das ganze Feld ergossen, bald räumlich begrenzt, und im

1 Zur Physiologie der Sinne. II. 'iS.

7 Tourtual in J. Müller Handbuch der Physiologie. Cubleni 1840. Bd. II. S. 250.