§• 17.
REIZUNG DURCH INNERE URSACHEN.
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letzteren Falle bald in Form unregelmässiger Flecken, bald als Phantasmen,Menschen, Thiere u. s. w. nachahmend. Vielfach mögen dabei mechanische Ur-sachen mitwirken, vermehrter Druck des Blutes in den Gelassen oder derAugcnfliissigkeiten; so sieht man beim Nachlasse gleiclmiässigen Drucks auf denAugapfel häufig Stücke der Gefässfigur aufblitzen, oder sieht nach heftigen An-strengungen theils einzelne pulsirende Stellen, theils grössere Stücke der Gefäss-figur *. In anderen Fällen mag es eine Art chemischer Reizung durchveränderte Zusammensetzung des Blutes sein, z. B. im Falle narkotischer Verrgiftungen. Endlich sind manche von diesen Erscheinungen auch wohl zu er-klären durch Ausbreitung des Reizungszustandes innerhalb der Centraltheile vonanderen Theilen des Nervensystems auf die Wurzeln des Sehnerven. Uebcr-tragung der Reizung von einem ursprünglich erregten empfindenden Nerven aufeinen anderen solchen Nerven, der von keinem äusseren Einflüsse getroffen ist,nennen wir Mitcmplindung. So erregt der Anblick grosser heller Flächen,z. B. von der Sonne beleuchteter Schneefelder, bei vielen Personen gleichzeitigKitzel in der Nase, oder das Hören gewisser kratzender und quiekender Töneein Kältegefühl, welches längs des Rückens herabläuft. Dergleichen Mitem-pflndungen scheinen auch im Sehnervenapparatc Vorkommen zu können, wennandere Empiindungsnerven erregt sind, z. B. die des Darms durch Eingeweide-würmer bei Kindern oder durch aufgehäufte Darmcontenta, Blutstockungen undandere Abnormitäten bei Hypochondern. Eigentliche Phantasmen, d. h. Licht-bilder, welche das Ansehen bekannter Objecte der Aussenwelt an sich tragen,scheinen durch eine ähnliche Uebertragung des Erregungszustandes von denbei der Bildung von Vorstellungen tlüitigen Theilen des Gehirns auf den Seh-nervenapparat entstehen zu können. Es sind dergleichen gesehen worden vonvielen Beobachtern, welche sich, während sie es sahen, der subjeetiven Naturdes Phantasma durchaus bewusst waren* 1 2 . Einige, wie Goethe und J. Müli.er,konnten sogar zu jeder Zeit, wenn sie lange in das dunkle Gesichtsfeld dergeschlossenen Augen hiucinsahen, dergleichen Erscheinungen sehen.
Uebrigens ist das Gesichtsfeld auch des gesunden Menschen zu keiner Zeitganz frei von solchen Erscheinungen, die man das Lichtchaos, den Licht-staub des dunkeln Gesichtsfeldes genannt hat; da es bei manchen Er-scheinungen, z. B. den Nachbildern, eine wichtige Rolle spielt, wollen wir es dasEigenlicht der Netzhaut nennen. Wenn man die t Augen schliesst und dasdunkle Gesichtsfeld aufmerksam betrachtet, wird man anfangs häufig noch Nach-bilder der vorher gesehenen äusseren Objecte wabrnehmen (über deren Ent-stehung siehe unten §. 24 und 25), später ein unregelmässiges schwach be-leuchtetes Feld mit mannigfach sich wandelnden Lichtflecken, die häufig Gefäss-verästelungen oder ausgestreuten Moosstielchcn und Blättern ähnlich sind, undbei manchen Beobachtern auch in Phantasmen übergehen. Eine ziemlich häufigeForm dieser Lichterscheinungen scheint die zu sein, welche Goethe 3 wandelnde
1 Purkinje zur Physiologie der Sinne. I. 13V. II. 113, 118. — Subjetiive Krscheinungen nach Wirkung derDigitalis II. 120.
2 Fälle der An sind zusamniengestcllt bei J. Müller über phantastische Gesiduserscheinungen. Coblcnz1826. S. 20.
* Farbenlehre. Ablh. I. §.96.