Buch 
Der Mond nach seinen kosmischen und individuellen Verhältnissen oder allgemeine vergleichende Selenographie : mit besondrer Beziehung auf die von den Verfassern herausgegebene Mappa Selenographica / von Wilhelm Beer und Johann Heinrich Mädler
Entstehung
Seite
169
JPEG-Download
 

Historische Ucbcrsicht der Selenographie.

§. 119 .

Von der ersten tlos sinnlichen Wahrnehmung unseres Nebenplaneten bis zu dem grofsen Weisen, der unsdie innersten Geheimnisse der Schöpfung durch seine allgewaltige Analysis aufschlofs und das Dunkel, was dieso höchst verwickelte Mondsbewegung Jahrtausende lang umhüllt halte, glänzend erhellte, ging das Menschenge-schlecht viele Stufen zur Wahrheit auf- — und abwärts; und eine ganz einfache historische Darlegung der vonden frühesten Zeiten bis jetzt, in den allmählig fortschreitenden Entwickelungsperioden stattfindenden Kenntnifsdieses Weltkörpers, der uns nächst der Sonne in so vielen Beziehungen vorzugsweise vor allen übrigen angeht,und auf uns ein wirkt, dürfte, wenn gleich viel weniger mannichfaltig als die Geschichte des gesammten astro-nomischen Wissens, doch nicht ganz ohne Interesse sein.

Wir müssen hier die allgemeine Bemerkung voranschicken, dafs der Mensch, je näher dem Naturzustände,um so geneigter sei, bei der Ausbildung cosmogenetischer Begriffe, lediglich den erhaltenen sinnlichen Eindrückenzu folgen und die auf sein Ich sich beziehende Umgebung in die Mitte des Weltalls zu setzen. Diese, der Un-wissenheit wie dein Egoismus gleich sehr zusagende Idee, findet sich bei den Urvölkern der Polarzone nicht min-der als bei denen unter dem Wendekreise. So glauben die Bewohner isolirter Inselgruppen der Südsee, die Erdesei überall mit Wasser bedeckt und ein Gott habe beim Angeln ihre Inselgruppe aus den ewigen Fluthcn gezo-gen; so hielten die Inder weil sie am Fufse eines Gebirgzuges ein vom Meere umspültes Territorium bewohnen,den Planeten für eine gigantische Lotosblume, deren Fruchtknoten das Tibetische Hochland, und deren BlätterVorder- und Hinter-Indien, so wie noch einige andre ihnen bekannte Länder waren, und den früheren Griechenals Bewohner gebirgsumkränzter Ufer eines weiten Binnenmeeres erschien die Erde als eine grofse Vertiefungin deren Mitte alles Wasser zusammengeströmt sei. Konnten doch noch nach Jahrtausenden fortschreitender Cul-tur, sehr erleuchtete Köpfe sich von der kleinlichen Idee nicht trennen, das von uns bewohnte Pünktchen für dasCentrum des Universums zu hallen. Wiewohl schon im frühen Alterlhume einzelne Weisen viel richtigere Vor-stellungen über die cosmischen Verhältnisse der Erde hatten, so wurden ihre Theorien doch oft von solchen un-terdrückt, welche mit Geist und Scharfsinn ersonnen, trotz ihrer Unhaltbarkeit deshalb mehr Eingang fandenweil sie die durch die Anschauung sich ergebenden Phänomene als objektiv richtige Thatsachen zum Grunde le-gend, den Sinnen mehr zusagten. Diese gestatteten es weit eher die complicirleste Curve für den Lauf der Pla-neten anzunehmen, als eine so reifsend schnelle Doppelbewegung der Erde, wie die der Translation und Rotation.

Diese Idee die Erde für den Centralpunkt der Bewegungen aller himmlischen Körper zu halten, war nurfür einen einzigen von allen richtig; für unsern Mond. Dagegen verursachte in den frühesten Zeiten sein grofserscheinbarer Durchmesser wieder einen starken Fehlgriff rücksichtlich der Rangordnung den man ihm in derSchöpfung anwies, denn selbst in der Genesis wird er näclist der Sonne als das Hauptsächliche am Firmamentbetrachtet und der Sterne nur nebenher erwähnt.

§. 120. r ,

Spuren der Astronomie finden wir bei den ältesten Völkern, wenn man das einfache Beobachten des ge-stirnten Himmels und des periodischen Laufs der merkwürdigsten Gestirne so nennen will. Jedes dieser Völkerschreibt sich selbst in der Person seines Stammvaters oder eines besonders verehrten Weisen, die Erfindung oderden Ursprung der Sternkunde zu. Die Allantier dem Uranus und Atlas, die Chineser dem Fohl, die Perserdem Zoroaster und Belus u. s. w. Doch ist ein verbindungsloses Sammeln der auffallendsten Himmelserscheinun-gen wie es bei diesen Völkern Statt fand, noch.keine Wissenschaft,, und will man nur eine systematische Vefceinigung der Thatsachen als deren Grundlage betrachten, so scheint es gewifs dafs wir erst bei den Griechen undzwar nicht früher als in der Alexandrinischen Schule den Ursprung einer wahren Wissenschaft suchen dürfen.Denn bis dahin benutzten die Griechen eigentlich nur die ihnen von den Chaldäern überkommenen Erfahrungen,Einiges daran verbessernd, Manches auch wohl verschlechternd. , ji ; .

22