346 Von den Pflichten der Unterthanen,
ſen ſie ſich dennoch unter Vorwendung ihrer Pflich-ten nicht gebrauchen laſſen*), wenn ſich der Regentoffenbar als ein Feind des Volkes bezeiget. Allein,dieſer Vorfall hat ſich vielleicht noch nie ereignet,weil es auch den groͤßten Tyrannen nie an ſchein-baren Vorwaͤnden ermangelt, und es dannenheroniemals offenbar vor Augen liegt, daß ein Allein-herrſcher feindlich gegen ſein Volk verfahre. Ueber-dieſes kann man auch von dem boshaftigſten Ge-muͤthe ſchwerlich vermuthen, daß es aus Vorſatzden Untergang des Volkes verurſachen wolle. Dieunordentlichen Leidenſchaften ſind gemeiniglich diehauptſaͤchlichſten Triebfedern.
*) Unterdeſſen haben wir doch ein merkwuͤrdiges Bey-ſpiel an dem Freyherrn von Goͤrz, der bey dem Kö-nige Carln dem zwoͤlften in Schweden vornehmſterMiniſter war. Carl war unſtreitig ununſchraͤnk-ter Monarch uͤber Schweden, indem die Reichs-ſtaͤnde ſeinem Vater, Carl dem eilften, die unum-ſchraͤnkte Alleinherrſchaft vor ſich und ſeine Nach-kommen auf das feyerlichſte aufgetragen hatten.Alle Angelegenheiten, welche durch Goͤrzens Haͤn-de gegangen waren, ob ſie gleich vielleicht mit derWohlfahrt der Unterthanen nicht auf das genaue-ſte uͤbereinſtimmeten, waren dennoch von Carlndem zwoͤlften auf das vollkommenſte gebilliget wor-den, woran kein Schwede vermuthlich jemals ge-zweifelt hat; und nach der Gemuͤthsart dieſes Mo-narchen war es ſehr zu vermuthen, daß alle Maaß-regeln dieſes Koͤniges, die Schweden gedruͤcket hat-ten, mehr von Carln ſelbſt, als von ſeinem Miniſter,herkamen. Dennoch opferte Schweden dieſen un-gluͤcklichen Miniſter ſeinem Misvergnuͤgen und ſei-ner Rache durch eine ſchmaͤhliche Todesſtrafe auf.Nach dieſen wichtigen Grundſaͤtzen, die wir hierin dieſem§pho ausgefuͤhret haben, haͤtte ſichCarl der zwoͤlfte als ein offenbarer Feind ſeinesVolkes bezeiget haben muͤſſen, wenn dieſe Strafeden geringſten Schein der Gerechtigkeit haͤtte ha-ben ſollen.
§. 333.
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