356 Vondem Gehorſam der Unterthanen
Verfahren des Regenten ſo viel geheime und wichti-ge Bewegungsgruͤnde vorhanden ſeyn, daß ſie daſ-ſelbe ſelbſt billigen wuͤrden, wenn ſie ihnen bekanntwaͤren. Die Grundgeſetze des Staats koͤnnen nie-mals ſo feſt und unbeweglich angeſehen werden, daßſich nicht Zeitumſtaͤnde und Nothfaͤlle ereignen ſollten,welche ihre Ueberſchreitung nothwendig machen; wenndie Wohlfahrt des Staats, die doch ohnſtreitig deſ-ſen erſtes und hoͤchſtes Geſetz iſt, nicht vernachlaͤßi-get werden ſoll. Ueberdieſes kann aus der Verwei-gerung des Gehorſams unmoͤglich etwas anders ent-ſtehen, als Unordnungen, Zerruͤttung des Staatsund innerliche Unruhen, Krieg, Blutvergießen undVerwuͤſtung der Laͤnder. Die Vernunft aber kannes unmoͤglich vor rathſam und nuͤtzlich erkennen, daßman, um ein kleines Uebel zu vermeiden und aufzu-heben, das gemeine Weſen in ein ungleich groͤßersund unheilbares ſtuͤrzet.
*) Wenn der Regent in eingeſchraͤnkten Regierungsfor-men die Graͤnzeu ſeiner Macht uͤberſchreitet; ſo ha-ben es die Unterthanen der ſchlechten Beſchaffenheitder Grundverfaſſung des Staats zuzuſchreiben.Die drey Zweige der oberſten Gewalt, davon wir
in der Einleitung gehandelt haben, ſind alsdenngewiß nicht wohl eingerichtet. Wenn ſie dergeſtaltangeordnet ſind, daß ſie einander beſtaͤndig im Gleich-gewicht erhalten; ſo iſt es gar nicht moͤglich, daßder Regent, als die vollziehende Macht, ſeine Ge-walt uͤberſchreiten kann, weil ihm die Geſetzgeben-de Gewalt beſtaͤndig das Gleichgewicht unterhaͤlt.Die großbrittaniſche Grundverfaſſung iſt hierinnenunvergleichlich. Der Koͤnig kann ſeine Gewalt da-ſelbſt nicht uͤberſchreiten. Alles, was zu der vollzie-henden Macht gehoͤret, und was der Koͤnig darin-nen verlangen kann, das hat er bereits in Haͤnden.Wenn er alſo ſeine Gewalt uͤberſchreiten wollte, ſomuͤßte er in die geſetzgebende Gewalt Eingriffe thun;und das iſt nach der engliſchen Grundverfaſſunggar nicht moͤglich. Es iſt ihm kein Vorwand dar-zu