6
Seide im Altertum. China.
king die erste Nachricht über die Seidenfärberei, in welcher die Verwendunggefärbter Seidenstoffe beschrieben ist; auch schildert uns Koufucius dieroten und schwarzen Seidenzeuge, die als Tribut au den Kaiser Ju (2022)geliefert wurden. Die Hauptverwendung der Seidengewebe jener Zeit bestand iuder Anfertigung von Fahnen und Schirmen, welche als Abzeichen der Würdedienten, indem verschiedene Farben bestimmten Rangstufen entsprachen.Das Gelb war die ausschliessliche Farbe des Kaisers, das Violett die seinerNebenfrauen, Blau, Roth und Schwarz wurden dem verschiedenen Range derRitter beigelegt 1 ). Aus den geschichtlichen Schilderungen dieser Epoche gehtmit Sicherheit hervor, dass das Seidengewerbe und der Gebrauch der Seidewährend seines ersten Aufblühens einigermassen das Vorrecht des kaiser-lichen Hofes (der Kaisersfrauen) und der Adeligen war. Auch die Auf-zählung der den Seidenbau betreibenden Provinzen 2 ) lässt darauf schliessen,dass der der Seidenzucht zugewiesene Raum ziemlich spärlich und ihr Be-trieb noch gering war; unter dem Volke war sie noch gar nicht verbreitet.Die Herrscher und der Adel haben dagegen einen Luxus mit Seidengewebenentwickelt, der ganz kolossale Dimensionen annahm und geradezu in dieGeschicke Chinas einzugreifen anfing; wer die Geschichte des chinesischenSeidenbaues schreibt, erzählt fast zugleich die Geschichte der chinesischenDynastien. Erst durch die liberalen Verordnungen des weisen Kaisers Ju(2205) hat die Seidenkultur auch unter dem chinesischen Volke Platz ge-griffen, indem durch Bepflanzung weiter Strecken mit Maulbeerbäumenund Verteilung von Raupeneiern für ihre weitere Verallgemeinerung Sorgegetragen wurde. Das seit dem XII. Jahrhundert in China auftauchendeLehensfürstentum vermittelte iu hohem Grade die Verbreitung der seideu-gewerblichen Thätigkeit, indem jeder von den fürstlichen Höfen (zurZeit des Konfucius 125) dem Beispiel des kaiserlichen folgte und denSeidenbau bei sich einführte. Mit der Zeit entfaltet das Gewerbe einenimmer höher steigenden Luxus; es erscheinen Goldbrokate (VIII. Jahrh.vor Chr.) und ähuliche kostbare Seidenstoffe, in welche man als Schmucksogar bunte Vogelfedern einzuweben pflegte. Eine poetische Sammlung „Shi-king“ schildert die Schönheit broschierter und anderer Gewebe in überschweng-licher Weise. Die nationale Seidenindustrie nimmt indessen nur beschränkteDimensionen an, indem noch immer, dem Beispiel der Königin und der Hof-damen folgend, sich nur die höheren Volksklassen au ihr beteiligten undder Seidenbau nur in der einen Provinz Shantung zur Entwickelung gelangte.Das „Buch der Vorschriften“ (Tscheu-li) enthält eine Schilderung der Seiden-zucht, wie sie zu jener Zeit (XII. Jahrh.) von der Kaiserin und den Prin-zessinnen ausgeübt wurde.
In dieser Weise verflossen über zwanzig Jahrhunderte, ohne dass dasSeidengewerbe die Grenzen seiner Heimatstätte Shantung überschritten hätte;es ist im Grossen und Ganzen auf derselben Höhe geblieben, wie zur Zeit
') de Guignes, a. a. 0. S. 389.
*) Pauthier, Übers, des „Tshu-king“ in Panthe'on litte'raire.