Band 
Erster Band.
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Seide der alten Indier.

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Befassen wir uns jetzt mit dem Ursprung der Gewinnung und Ver-arbeitung der Seide bei Asiens übrigen Völkern jener Zeiten. Der Maul-beerbaum existierte, obwohl nur in wildem Zustande, in ganz Westasien,seit allerältesten Zeiten; ebenso waren die Seidenraupen in den östlichenTeilen Indiens und in Persien heimisch und sogar sehr verbreitet; dochwaren ihre Rassen und daher auch ihre Eigenschaften von denen Chinas sehr verschieden; auch wurden sie keiner so regelmässigen und sorg-fältigen Zucht unterworfen, wie bei den Chinesen. Diese Seidenraupenlieferten nur minderwertige Produkte in Form von unabwickelbaren oderdurchlöcherten Kokons, die von den Eingeborenen gesammelt und wie Flachsverzupft und versponnen wurden, ein Verfahren, das natürlich im Vergleichzu dem Glanz und der unübertroffenen Gleichmässigkeit der abgehaspeltenSeidenfaser nur ein minderwertiges, unansehnliches Gespinst ergab. Wieschon aus der Überlieferung vom „Mädchen mit goldenen Haaren“ undseiner Herkunft aus Indien hervorzugehen scheint, besass die gelbe Seiden-raupe ihre Heimat in W r estasien; geschichtliche Forschungen der neuerenZeit haben auch thatsächlich bewiesen, dass vorwiegend in Persien , ingeringerem Mafse in Indien und Syrien , die gelben Kokons der Maul-beerraupe in oben geschilderter Weise seit allerältesten Zeiten verwertetwurden. Als im VI. Jahrhundert unserer Ära auch die weissen Seiden-würmer nach W r estasien verpflanzt wurden, war die Art der Verarbeitungeinheimischer Kokons immer noch die alte, d. i. nicht die durch Abhaspeln,nach chinesischer Art, sondern durch Verzupfen, und zwar erst nach demAusschlüpfen der Schmetterlinge. Soweit unsere Kenntnis reicht (die sichüber dreizehn Jahrhunderte erstreckt), ist in Indien beispielsweise die Seideoder im wahrem Sinne des Wortes die abgehaspelte Kokonfaser, vor ihrerdirekten Einführung aus China nie zur Anwendung gekommen. EinigeOriginalangaben über das Seidengewerbe Indiens sind seit dem Erschliessender Sanskritsprache für das Studium zugänglich geworden, doch verbreitetensie immerhin so wenig Licht über den Ursprung des Seidengewerbes und dieArt des verwendeten Rohmaterials, dass hierüber noch heutzutage Meinungs-differeuzen der Gelehrten bestehen bleiben 1 ). W r enn auch z. B. die bei derSchilderung der Festgeschenke in den religiösen Heldendichtungen Rama-yana und Maliabharata das eine bestimmte Gespinstfaser bezeichnende Wort„kauceya“, kaum anders als durch „Seide“ übersetzbar ist, so kann sichdasselbe, wie die Forschung ergeben hat, entweder auf die durch Verspinnender durchbrochenen Kokons gewonnene minderwertige Florettseide derMaulbeerraupe, wie dies auch in Assyrien und auf der Insel Kos der Fallwar, beziehen, oder auf die noch weniger schöne Seide wilder Seidenspinner,mit denen Indien reichlich begabt war.

Nach zuverlässigen Nachrichten besass Indien (Himalaya ) bereits inden frühesten Zeiten eine seitdem im Laufe der Zeit ausgestorbene ein-

') Pariset, L’histoire de la soie. Bd. I, 39.