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Seide in Kom.
tasie und ohne zu grosse Geschicklichkeit in der Erfindung und Ausfüh-rung stilisierter Motive. Eine höhere Veredelung und künstlerische Durch-führung der in der Aussemvelt vorhandenen ornamentalen Vorbilder zu er-reichen, dazu war die chinesische Ornamentik niemals befähigt, und auch ihremodernen kunstgewerblichen Leistungen zeigen bekanntlich nur einen ge-ringen Fortschritt in dieser Richtung. In ihrer erstarrten Form vermochtesie daher weder den sich regenden Geist der abendländischen Kulturweltzu bannen, noch die sich Bahn brechende Musterung zu beeinflussen. DieseErwägung giebt eine Aufklärung darüber, warum trotz der Überflutungmit chinesischen Vorbildern die abendländische Ornamentik selbstständigeWege betreten konnte.
Bei ihrem Auftauchen in Rom riefen die prächtigen, glauzstrotzendenSeidengewebe ungemeines Aufsehen hervor und w'urden eine Zeit langausschliesslich zu den Prachtgewändern verwendet. Der Kaiser llelioga-bal erscheint bei seiner Thronbesteigung im J. 217 nach Chr. als Sonnen-priester in prächtigem Purpurmantel. Später, als der überhandnehmendeLuxus anfing gefährlich zu werden, erachtete mau das Tragen der Seideals Verweichlichung und verbot den Männern deren übermässigen Gebrauch.Dem schwelgerischen Caligula, der sich ausschliesslich in Seide kleidete,wurde der Spottname „der Seidene“, sericatus, beigelegt. Nach und nachgriff der allgemeine Luxus, und im speziellen mit den kostbarsten Seiden-stoffen in solcher Weise um sich, dass der Senat sich veranlasst sah Verbotezu erlassen; den Männern wurde der Gebrauch der Seidenzeuge ganz unter-sagt und Tacitus konnte nicht oft genug wiederholen: „ne vestis sericaviros foedaret“. Die strengsten Erlässe vermochten aber dem fortwährendsteigenden Konsum der Seide keinen Einhalt mehr zu thun. Schon inder ersten Hälfte des I. Jahrhunderts lässt sich der grosse Luxus undder Überfluss an kostbaren Seidengeweben aus den überschwänglichenSchilderungen der Religions- und Nationalgebräuche ersehen 1 ). Neben deroriginell chinesischen Seide findet die assyrische Bombykia ausgedehnte Ver-wendung 2 ). Wie die Lebenden so schmückte die römische Üppigkeit auchdie Toten und setzte sie, wenigstens bei den höheren Volksklassen, in präch-tige Bestattungsgewänder (Funeralstoffe) eingehüllt bei. Man ward da-durch gezwungen gegen die Leichenschänder, für die das Ausgraben der imPreise dem Golde gleichkommenden Seidenzeuge zu einem ausserordentlichlohnenden Geschäft geworden, mit strengen Gesetzen vorzugehen 3 ). Bekannt-lich bestand diese Sitte auch bei den alten Kopten seit den frühesten Zeiten,und die zahlreichen Gräberfunde u. A. in Ivoptus (Oberägypten ) fördertenauch eine gewisse Anzahl von seidenen Leichentüchern zu Tage, anscheinendpersischer Herkunft (IV.—V. Jahrh.) 4 ). Wir werden später auf diese Funde
’) Dio Cass. üb. XIX.
s ) Plinius , Hist. nat. lib. VI, XI.
8 ) Lex salica, tit. 17. Lex Wisigoth, lib. XI. tit. 2.
4 ) Bock, Katalog frühchristlicher Textilfunde des Jahres 1886. S. 73.
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