66
seinem Sohne eine Flotte ausgerüstet haben soll, um damit Arabien unddas Serikienland zu erreichen und Seide zu holen 1 ). Karl dem Grossenscheinen, seinem Prinzip der peinlichsten Einfachheit entsprechend, die prunk-vollen Seidenzeuge sehr wenig gefallen zu haben, denn er soll gelegentlicheiner Hofjagd mit Purpur und Seide geschmückte Italiener nur ihrer Trachthalber allerlei Chicanen ausgesetzt haben. Im IX. Jahrh. wurden in Deutsch-land, wie in Frankreich, weisse Seidenzeuge gefärbt, und im Erzstift Mainz wurde im X. Jahrh. bereits Seide verwebt 2 ). Freilich handelt es sich hier vorerstnur um Haus- bezw. Klosterarbeit für private und kirchliche Zwecke. Bisdahin waren die Seidengewänder Geschenke morgenländischer Fürstenan deutsche Könige gewesen und wurden als seltene Kostbarkeiten denSchatzkammern einverleibt. Als jedoch Heinrich II. den deutschen Han-del durch Erteilung eines Schutzrechtes in sichere Bahnen lenkte, undPapst Urban II. (1095) sich zum obersten Schutzherrn der Kaufleute er-klärte, wodurch dem kommerziellen Verkehr mit Italien , Fraukonien und denNiederlanden grosser Vorschub geleistet wurde und die Handelsstrassen von Ve-nedig nach Regensburg und Augsburg ausserordentliche Belebtheit annahmen,kamen Seidenstoffe in solchen Mengen auf die deutschen Märkte, dass nichtnur geschichtliche Chroniken, sondern unzählige Stellen in Gedichten undMinnegesängen der Seide Erwähnung thun 3 ). So fehlen bei Hartmann von der Aue in jener reizenden Scene, wo Iwein schlafend im Walde vondrei Frauen gefunden wird und diese für ihn Sorge tragen, auch die seidenenKleider nicht. Ottokar von Horneck erwähnt bei Schilderung der Hoch-zeit Wenzels von Böhmen mit höchster Bewunderung und glänzender Be-redsamkeit den Ankauf prachtvoller Seidenzeuge. Seit dem X. Jahrh. för-dern die Züge Ottos des Grossen die Beziehungen mit Italien , wie denreichen Zufluss von Seidengeweben. Unter Heinrich II. (1000) wird derKaufmannsstand vom Krämer streng unterschieden 4 ). Man besitzt eine ge-naue Vorschrift hierüber in der Krämerrolle von Anklam , die der Rat dieserStadt 1330 ausgegeben hat, ein Verzeichnis, das übrigens nur eine Wieder-holung damals schon alter Rollen darstellt. Danach kann „von den Kauf-
*) Gervatius, Otia imperialia Dec. III. c. 55.
Ottonis dipl. a. 976.
Benecke, Anm. zum Wörterbuch zu Wigalois der Ritter.
*) Fischer, Gesch. der deutschen Handelschaft. I.
3 ) Hartmann von der Aue, Tristan und Isolde.
Nibelungenlied.
Wigalois der Ritter.
Weiss, Kostümkunde, III.
Zeune, Erdkundliches im Nibelungenlied (Der Seidenhandel im Mittelalter).Schultz, Das höfische Leben zur Zeit des Minnesangs. Leipzig 1880, I. 249.Weinhold, Die deutschen Frauen im Mittelalter. Wien 1882, II. 247.Schacht, Über und aus O. v. Horneck’s Reimchronik. Mainz 1821. S. 300.Klemm, Kulturgeschichte I, 103.