89
webekunst, Tours gegenüber im Alter naclistehen würde. Der Streit hier-über ist noch heute nicht endgiltig entschieden, muss jedoch als ziemlichgegenstandslos erscheinen, da es sich hier höchstens um einige oder einDutzend Webstühle handelt, die noch keine Industrie ausmachen. AmSchluss des XIII. und anfangs des XIV. Jahrh. zerstreuten sich die italie-nischen Flüchtlinge in viele grössere und kleinere Städte Europas , nament-lich Frankreichs , so das* man daselbst mehrere Orte finden würde, wo derUrsprung seidengewerblicher Thätigkeit denjenigen von Tours und Lyon im Alter weit überragen würde. Die Ehre des letzteren hat man zwar da-durch gerettet, dass man, auf Grund aufgefundener Patente Ludwigs XI.,die Errichtung der ersten Lyoner Webereien auf vier Jahre früher, alsder von Tours festzusetzen berechtigt ist 1 ), obwohl es wieder einigenanderen Urkunden nach ziemlich wahrscheinlich ist, dass Tours bereits1340, Lyon aber erst 141.7 die ersten Seidenwebstühle besass.
Nach Nimes um 1441 eingeführt, erhielt die dortige Seidenmanufakturunter Ludwig XII . 1498 durch Anlegung grosser Fabriken bedeutendenZuwachs. Unter Karl VIII. gediehen die Manufakturen von Lyon undTours vortrefflich, und als er bei seiner Rückkehr aus Neapel eine ganzeKolonie italienischer Seidenhandwerker mitbrachte, nahm die Seidenmanufak-tur einen solchen Umfang an, dass, wie aus dem Erlasse von 1494 ersichtlich,alle in Lyon angefertigten Stoffe behufs Kontrolle mit dem Stadtsiegel ver-sehen wurden und keine Seidengewebe getragen werden durften, die nichtim Lande selbst hergestellt worden waren. Auch in Tours kamen Schutz-niafsregeln in Anwendung; die 1484 versammelten Etats Generaux setztenumfangreiche Statuten 2 ) fest, die den Seidenhandel regelten und im all-gemeinen auf Hebung der heimischen Industrie durch das Prohibitivsystemgerichtet waren 3 ). Aus Tours kamen bald die berühmten Gros-de-Toursund Gros-de-Naples in den Handel. Franz I. war eifrig bestrebt, dieeinträgliche Gründung seiner Ahnen durch ausgedehnte Privilegien zu för-dern. 1536 führte er mehrere Webekünstler aus Piemont , die die Kunstdes Webens von Damasten und Sammeten beherrschen, nach Frankreich über.Eine Charte, vom Pariser Parlament nn J. 1537 registriert, befreit alleSeidenweber Lyons von jeglichen Abgaben. Solche Privilegien konntennicht umhin, Lyon bereits in der ersten Hälfte des XVI. Jahrh. zu einerludustriestätte ersten Ranges zu erheben, die den italienischen Vorbilderngleichkam; zu gleicher Zeit wird es ein Hauptstapelplatz für in- und aus-ländische Seidenfabrikate. Die Handelspolitik der Lyoner Seidenmanufakturglich einigertnafsen der der oberitalienischen Stadtrepubliken, doch wurdehier das Schutzzoll- und Prohibitivsystem unter wesentlich anderen Um-