90
ständen angewandt, als dies in jenen kleinen Staaten geschehen konnte; denndiese waren zum grossen Teil auf sich selbst angewiesen und mit ihrem durchdie Konkurrenz beschränkten Absatzgebiet standen sie im schärfsten Gegensatzzu der zum Industriecentrum gewählten freien Stadt eines grossen Staates.Bei Festlichkeiten jeder Art entfaltete das Lyoner Bürgertum den grösstenPrunk in Seidengewändern; heim Einzuge Heinrichs II. und seiner Ge-mahlin Katharina von Medici in Lyon (1548) sah man einen Zug von 446Seidenfärbern, die in grauen und schwarzen Sammetkleidern einhergingen.Bei einem späteren Aufzuge kommt es vor, dass die Florentiner und Luc-cheser mit den in Lyon ansässigen Genuesern und Mailändern wegen desVortrittes in Streit geraten. Bereits zu Anfang des XVI. .Tahrh. bildetendie in grosser Zahl zu Lyon angesiedelten Seidenhandwerker einzelne Zünfte;so wurde die Färberzunft im J. 1501, die Band weberzunft 1542 gegründet.Mit der Seidenmanufaktur zu Lyon wetteiferte die Weberei in der Touraine ,die 1470 auf Anregung Ludwigs XI. neuen Zuzug italienischer und grie-chischer Webeki'nstler erhielt ‘j. Wie ausgedehnt indessen die Privilegiender Seidenweber in Tours und anderen benachbarten Städten auch waren,mit Lyon vermochten sie doch nicht mehr zu rivalisieren, dem von fran-zösischen Königen im XVI. Jahrh. das alleinige Recht der Niederlage aus-ländischer Rohstoffe und Seidenfabrikate zuerkannt wurde. Im Jahre 1554waren in Lyon bereits 12000 Webstühle im Gange. Als Mailand 1523 er-obert wurde, wirkte sein Fall ähnlich wie der Luccas im .1. 1314; diedortigen Wehekünstler zogen massenhaft nach Frankreich und verbreitetendie Kunst nach Paris, Orleans, Montpellier und Marseille; in Marseille wurde die Seidenweberei indes schon im XIII. Jahrh. gepflegt, als es nochzum sicilianischen Reiche gehörte. Die Bürgerkriege und nicht zuletzt dieIntriguen der auf ihr lukratives Monopol eifersüchtigen Lyoneser thaten indesder Entwickelung der nordfranzösischen Wehekunst Einhalt. Heinrich II. erlässt Statuten über die Fabrikation der Seidenstoffe und gewährt auchUnterstützung der immer mehr aufblühenden Seidenkultur, die unterHeinrich IV. in eine neue Entwickelungsperiode tritt und anfängt, sich zueinem wichtigen Zweige der Landeskultur zu entfalten. Der König soll den-jenigen, welche nachwiesen, die Seidenzucht zwölf Jahre hindurch betriebenzu haben, das Adelsdiplom verliehen haben. Um dieselbe Zeit erscheinenzahlreiche Anleitungen über das Anlegen der Maulbeerplantagen und dieSeidenkultur. Unter Louis XIV. erkannte Colbert mit scharfem Blickdie Bedeutung der Seidenkultur namentlich für die südöstlichen Teile desReiches und förderte sie in jeglicher Weise; sein Werk wurde von denspäteren Regenten fortgesetzt. Während bis zum Schluss des letztverflos-senen Jahrhunderts Europa lediglich die 552 eingeführten gelben, grün-
*) Champoiseau, Sur l’origine de rindustrie sdricole en Touraine. Tours 1848.S. 484.