Band 
Erster Band.
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Allgemeiner Charakter derselben.

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XIV. Jahrh., als die Kunstweberei Italiens einen solchen Aufschwung nahm,dass sie ihrer Lehrmeisterinnen entbehren konnte, hört die konventionelleNachahmung der phantastischen Tierornamentik auf; nach und nach findeneinheimische, mehr zeitgemässe Motive endgiltig Eingang. Bei Beginn dergotischen Kunstperiode erlischt der Einfluss orientalischer Vorbilder hinsicht-lich der Musterung und Farbenkomposition auf immer, und die volle Ein-wirkung neuer germanisch-christlicher Formenbildungen auf das seitherigeromanische Ornament macht sich geltend. Die Webekunst verlässt teilweisedas Gebiet der Arabeskenmotive und wendet sich von neuem, aber in er-höhtem Sinne, der Symbolik zu. Lange Zeit hindurch ist die historischfigurierte Darstellung biblischer und profaner Motive, allegorischer Figuren,von Scenerien aus dem Leben des Heilandes in den für kirchliche, wie fürprofane Zwecke bestimmten Seidengeweben vorherrschend. Bei der Vorliebefür die bildliche Musterung finden grosse figurierte Ornamente, Wappen,Kampfscenen u. s. w. rasch Eingang in diese moderne Kunstweise.

Auf jene, bis zum Schluss des XV. Jahrh. andauernde Periode derRückkehr zur figürlichen Ornamentik folgt nun die zweite, die dem sichüberall Bahn brechenden, rein dekorativen Pflanzengeranke (sarazenischenVorbildes nach Semper) den Platz einräumt. Gewöhnlich zeigt sich dieeiner gewissen Kunstperiode eigene Zierweise auch in der Gewebeorna-mentik; es ist daher als sehr bezeichnend anzusehen, dass sie das architek-tonische Prinzip nun fernhielt, so sehr dasselbe auch die übrigen Künste über-wucherte, und ebenso verschmähte sie den überall eindringenden Naturalis-mus; es war, als ob sich eine ganz eigene, vollständig unabhängige undisolierte Gewebemusterunsi entwickele und ihre eigenen Bahnen verfolge,deren Ursprung, wenn man von den reichen und wirkungsvollen, aber sti-listisch verschiedenen arabisch-maurischen Stoffen absieht, beinahe als spo-radisch bezeichnet werden könnte. Die Elemente sind, wie erwähnt, diePflanzenmotive, die jedoch in so mannigfacher Weise ausgebildet werdenund zur Verwendung gelangen, dass man kaum noch das Urbild zu ent-decken vermag. Dies gilt z. B. von der typischen Granatapfelmusterung,deren mannigfaltige Wiedergaben dem Original in der Natur so unähnlichs md, dass sich ihre Benennung etwa wie eine Tradition unter den Archäo-logen fortpflanzt. Mit dem Auftauchen der durch die medicäische Anregungwieder zu Ehren gelangten antik-klassischen Kunstformen, weicht im XV.Jahrh. der frühere italienisch-germanische 1 ) oder richtiger italienisch-christ-liche Typus der sogenannten neuitalienischen Kunstweise zurück; die Ge-webe zeigen vorwiegend einen auf der antiken Ornamentik beruhenden Stil.

Nachdem wir nun den allgemeinen Charakter der ganzen italienisch-französisch-flandrischen Epoche flüchtig berührt haben, wenden wir uns ihrens peciellen Ornamentmotiven zu.

*) Hock, Gesch. d. lit. Gewänder, I. S. 96.