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Seidenindustrie des XIX. Jahrh. England.
1824 kann als die eigentliche Entwickelungsperiode der englischen Seiden-industrie betrachtet werden, die durch Protektions- und sogar Prohibitiv-system, Ausfuhrprämien und Monopolisierung des Kolonialhandels unterstütztwurde. Ihre vornehmlichen Sitze waren London, Spitalfields, Coventry ,Dublin, Derby, Macclesfield, Manchester und Middleton. Gegen Ende desXVIII. Jahrh. waren in London und Umgegend 8000 Webstühle thätig.’Seit Anfang des XIX. Jahrh. beginnt der durch politische Verhältnisse desKontinents und Schutzzölle begünstigte gewaltige Aufschwung englischerSeidenmanufaktur zu einer Grossindustrie, die mit der französischen fastgleichen Schritt hielt und sie während der Wirren der Revolutionszeit undder Kontiuentalkriege sogar überflügelt hat. 1861 verfügte sie über dieenorme Anzahl von ca. 90000 Stühlen (10709 mechanische) und verarbeitete1870000 kg Rohseide. Nach Arles Dufour belief sich die Zahl der Web-
stühle auf:
1850
1855
1861
100000
110000
150000
Die grossartige Entwickelung des überseeischen Handelsverkehrs, wo-durch einerseits der Bezug des Rohmaterials, andererseits der Absatz derFabrikate in den fernsten Ländern erleichtert wird, und die staunenswerteUmgestaltung der Technik, sowie endlich die überhandnehmende Einführungschnellarbeitender Kraftstühle, haben statt der mutmafslichen günstigen Folgendie ganz entgegengesetzte Wirkung gehabt, indem sich dieselben einer gesundfortschreitenden Entwickelung hemmend in den Weg stellten. Die namentlichdurch das überstürzte und unverhältnismässig rasche Umsichgreifen der mecha-nischen Seidenweberei (1870 waren schon 12378 *) Kraftstühle im Betrieb)hervorgebrachte Massenproduktion und die dadurch verursachte Verschlech-terung der Fabrikate haben die englische Seidenweberei in Misskredit ge-bracht, aus dem sie kaum so leicht wird herauskommen können. Um die Mitteunseres Jahrhunderts erfolgte auf Anregung staatsökonomischer Reformenvon Peel und Rüssel eine Rückkehr zur Politik des freieren Handels-verkehrs, und die Herabminderung der Zölle auf 15 °/ 0 brachte der Seiden-manufaktur den ersten Schlag. Die socialen Verhältnisse und teuere Hand-arbeit, sowie der Mangel an selbständiger, künstlerischer Anschauungsweise,vor allem aber das von Cobden weiterverfolgte Prinzip des Freihandels(system of libre exchange), und die gänzliche Aufhebung der Einfuhrzölleauf französische Fabrikate thaten das übrige, um die Industrie von ihremHöhepunkt um die sechziger Jahre in raschem Schritt einem unaufhaltsamenNiedergange anheimfallen zu lassen. Der Import französischer Seidenfabri-kate, der gegen 1859 ca. 37 Mill. betrug, stieg auf 220 Mill. 1870. Im .1. 1872waren noch vorübergehend 62000 Webstühle thätig, wovon 12000 mecha-nische; 1885 ist deren Zahl auf ein Zehntel der früheren herabgesunken, inCoventry z. B., einem früher blühenden Sitz englischer Seidenmanufaktur