Band 
Erster Band.
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Probleme der Gewebeornamentik.

reinheit ausgeführt werden konnten, wodurch vielfache Effekte verloren gingen;die moderne Webekunst dagegen überwindet alle technischen Schwierigkeitenspielend und beherrscht sowohl den Stoff, wie Zeichnung und Kolorit bis aufdas Geringste. Als sprechendes Beispiel dafür, wie ausserordentlich fördernddie Fortschritte der Weberei und Appretur auf die Musterungsefifekte zu wirkenvermögen, mag das Moirierverfahren dienen: wie unendlich vorteilhaftersticht ein aus Tiermotiven, z. B. Vögeln, gebildetes Ornament von einemhellen moirierten Grunde ab, als vom glatten, und wieviel Leben verleihtdieser gleichsam bewegliche, luftige Grund dem gesamten Flächengebilde!Machen wir daher unser heutiges Wissen und Können der Textiltechnikeuder Gewebemusterung zu Nutzen, um auf Grund des Altüberlieferten Neueszu schaffen. Eben aus dem Grunde, dass man durchaus etwas Originelleszu bringen bestrebt ist, vergisst man, dem Altbewährten genügend Platzeinzuräumen und neben dem Schönen auch das Zweckmässige zu pflegen. Esist undenkbar, dass einer oder mehrere Ornamentkünstler eine neue Stil-richtung aufzustellen vermöchten, die dann vollgiltig wäre. Der Stil, undim prägnantesten Sinne der der Gewebeornamentik, beruht auf einem stetigenWandel des Geschmacks und ist begründet in den grossen allgemeinen Wand-lungen der Kultur; er kann somit nicht mit einem Male geschaffen werden oderdem Kopfe Einzelner entspringen; andererseits unterliegt aber die Gewebe-musterung mehr, wie jede andere Kunstweise den Launen wechselsüchtiger Modeund wird oft zur Sklavin einer verdorbenen Geschmacksrichtung. Fügen wirnoch hinzu, dass unsere heutige Seidenwebekunst nicht selten darauf an-gewiesen ist, nicht nur einheimische, sondern verschiedene Völker mit ganzanderen Kuustanschauungen durch überseeische Märkte zu versorgen und fürdieselben eine eigene Musterungsart zu üben, so wird es klar, dass eineeinheitliche, allgemeine Stilweise, wie eine solche in früheren Jahrhunderten,aus dem Zeitgeist und der technischen Vollkommenheit der Völker ent-sprungen, in durchaus charakteristischer Weise zum Ausdruck gelangte,heutzutage eine das Gesamtgebiet umfassende, verallgemeinernde Geltungnur schwierig und langsam erreichen kann.

Der allgemeine Charakter der heutigen Seidenwebekunst hat sich derZeit vollständig angepasst; auch hier that die französische Revolution dasihrige und hat eine neue Ara eröffnet. Unter ihrem Einfluss schwand dieüberschwengliche Kostbarkeit und bunte Pracht der Seidengewebe, um sichdem Geschmack der neuen Kulturströmung, der anfangs jede Prunkentfal-tung fernstand, anzupassen und um einer strengen Geradlinigkeit der Kunst-formen, verbunden mit einem durchaus matten Kolorit in der Gewebeorna-mentik, zu weichen. Unter dem belebenden Einfluss des neuen Jahrhunderts,seiner technischen und künstlerischen Fortschritte, hat alsdann die natura-listische Richtung Eingang gefunden. Die Entwickelung der Farbeuindustrieermöglichte es, die glänzendsten Töne leicht darzustellen; dies hat gleich-falls dazu beigetragen, dem Ornament, das sich vorwiegend auf dem Ge-biete des Pflanzentums bewegte, einen naturgetreuen Charakter zu verleihen-