Alte Ornamentstile und Naturalismus.
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scheint, so darf doch dem Naturalismus nicht das alleinige Monopol eingeräumtwerden. Zwar gehen die Bestrebungen gegenwärtig überall dahin, dasornamentale Studium auf ein möglichst eingehendes Anschauen der Natur-formen zu lenken; die Erkenntnis, dass die grossen Stilperioden der Kunst,die Antike, das Mittelalter und die Renaissance, einen wesentlichen Teil derSchönheit und Eigenart ihrer ornamentalen Motive der tieferen Auffassungder Naturformensprache zu verdanken hatten, lässt thatsächlich diesesnaturalistische Streben erklärlich erscheinen 1 ).
Die überlieferten alten Stile zu verwerfen, wäre jedoch schon deswegenunpraktisch, weil der Naturalismus, abgesehen von der notwendig stilgetreuenAusführung vieler Ausstattungsgewebe, nicht überall angebracht ist, wiebeispielsweise in den kirchlichen Paramenten. Es lässt sich immerhin nichtleugnen, dass eine einfache Übernahme und Weiterausbildung der bis aufuns gekommenen Ornamentstile unseren heutigen Schaffensbestrebungen alleinnoch nicht jene Ausdrucksfähigkeit und Originalität zu gewähren vermag,deren jede Kunstepoche für ihre besonderen Bedingungen und wechselndenFormgedanken bedarf, und wenn in allen Stilperioden stets viel Schönesgefunden werden kann, was in neuer Ausführung (unter der letzteren ver-stehe man nicht nur die äussere Form, Farbe und Zeichnung, sondern auchdie Textur, d. i. die Binduugsart und Webeeffekte) vorzügliche Wirkunghaben könnte, so muss hier eben an der Hand des Naturstudiums die idea-lisierende Beeinflussung vor sich gehen. Aus diesem Grunde ist eine genaueKenntnis der Eigenarten alter Musterungsweisen nicht nur vom archäo-logischen, sondern auch vom rein praktischen Standpunkte aus von besonderemWert; zahlreiche Musterwerke, Vorlagen, Museen und Privatsammlungenbieten für ein derartiges Studium ausgiebiges Material. Die stilisierten Or-namente alter Webekunstperioden sind in neuerer Zeit infolge der grossenFortschritte der Textiltechuiken leichter und vervollkommneter herzustellen,sowohl in der den Stoff wie die Farbe und Zeichnung beherrschenden Aus-führung. Letztere ist nun in den Stand gesetzt, Kontraste und Analogien desFlächengebildes, d. i. der Bindungsarten, des Kolorits und der Musterungau f das Vorteilhafteste auszunützen; die alten Stile sind schon deswegen vonWert, weil sie höchst originell sind und sich in einer unserer heutigenKunstanschauung durchaus angepassten Weise modifizieren lassen. Hierzutritt noch ein Umstand von besonderem Reiz, nämlich die Erwägung, dass dieüberlieferten Motive, als an eine noch unbeholfene Textiltechnik gebunden,Notwendigerweise nicht in der von den Webekünstlern beabsichtigten Ideen-
*) Unter den neueren, auf die Anweisung dessen, wie die Ntiturformen aufzufassensind, wie man am sichersten zur Erkenntnis und Benutzung ihres ornamentalen Ge-angen kann, gerichteten Vorlagewerken verdienen die „Fflanzenformen, vor-Beispiele zur Einführung in das ornamentale Studium der Pflanze“ von"ieurer, besondere Beachtung, da ihr Grundgedanke in der überaus engen Beziehung68 technischen Naturstudiums zu einer verständnisinnigen Auffassung der überliefertenh-unstformen gipfelt.
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