Band 
Zweiter Band.
Seite
221
JPEG-Download
 

Theorie der Absorptionserscheinungen.

221

ist bekanntlich die bei der Reaktion entwickelte Wärmemenge. Die absor-bierende Kraft der Seide, durch welche die physikalische und chemischeArbeit geleistet wird, lässt sich, wie wir sahen, im Kalorimeter in definier-baren Zahlen bemessen.

Wie bereits ausgeführt wurde, besitzen die thermochemischen Funktionender Rohseide einen ausgesprocheneren Charakter, als die der entbasteten,mit anderen Worten, das Sericin ist reaktionsfähiger, als das Fibroin. AufGrund der thermochemischen Daten und des Prozentgehalts des Sericins inder Rohseide gelangte man auch mittels einer einfachen Rechnung zu demErgebnis, dass das Verhältnis ca. 1,45 beträgt.

Ausser der Titervermiuderung der Lösung tritt bei der Absorption derBasen und Säuren durch Seide keine andere chemische Veränderung ein.Anders gestaltet sich die Sache, wenn man die Seide mit einer Alaunlösungkocht oder einige Stunden lang mit ihr zusammenbringt. Erstens ver-mindert sich ihr Titer — ein Beweis, dass Alaun von der Faser absorbiertund fixiert wird — und zweitens wird die Alaunlösung sauer, falls manneutrales Salz verwendet und weniger basisch oder neutral im Falle derVerwendung basischer Lösungen. Dies weist darauf hin, dass Alaun vonder Seidenfaser in einfachem Sinne des Wortes zersetzt wird. Analysiertman die Faser und die Lösung, so findet man, dass auf der Seide Thon-erdehydrat oder ein stark basisches Salz fixiert wurde, während die Säureim Bade verblieb. Allerdings besitzt neutraler Alaun weniger Neigung zusolcher Zersetzung durch die Seidenfaser, als die basischen Alaune, so dasses den Anschein hat, als ob die Seidenfaser ausgeprägt sauren Charakterbesässe und auf die Basen eine bedeutende Anziehungskraft auszuüben imstände wäre. Dasselbe Verhalten zeigt das basisch schwefelsaure Eisenoxydgegen die Seide, nur noch in weit stärkerem Mafse, als Alaun. Schonkalte und verdünnte Lösungen werden von der Seide zersetzt, indem sichdas Eisenhydrat oder ein stark basisches Salz auf der Faser niederschlägt.Die Affinität zum Eisenhydroxyd geht sogar so weit, dass es, selbst ein-fach im Wasser suspendiert, sich schon bei gewöhnlicher Temperatur mitder Faser verbindet. Eigentlich existiert zwischen einer Lösung und einerSuspension keine scharfe Grenze. Einige basische Salze können wohl alsSuspensionen des äusserst fein verteilten Oxydes in dem neutralen Salzeangesehen werden; durch die Seidenfaser wird dieser Suspension das Oxydentzogen, ähnlich, wie dies beim einfachen Filtrieren stattfindet. Nur istdie Seide ein sehr vollkommenes Filtermaterial; deun sie hält Niederschlägezurück, welche durch Papier -, Baumwoll-, Kohlenfilter etc. hindurchgehenwürden. Man könnte sogar behaupten, die Seide sei für solche Oxyde einLösungsmittel, dessen eigenartige osmotische Eigenschaften durch ihrenchemischen und morphologischen Bau bedingt werden. Auch Osmose inengerem Sinne des Wortes findet bei einigen Salzen statt. Aus einer Chlor-natriumlösung absorbiert die Seide Wasser, d. h. die Lösung selbst wirddurch das Eintauchen der Seide konzentrierter. Ebenso verhält sich die