Band 
Zweiter Band.
Seite
225
JPEG-Download
 

Charakter der Seidensubstanz.

225

Es ist von Interesse, dass man auf einem anderen Wege der Mo-lekülzersplitterung, nämlich durch deu Fäulnisprozess, Körper aus derGruppe des Diureids Xanthins, CO(NU) 2 =C s U N(NII)CO, erhielt,das auch aus dem Fibrin durch pankreatinische Fermentation entsteht. DieKonstitution des Xanthins beweist, dass es der inneren Kondensation undOxydation der Glucoproteine seine Entstehung verdankt.

Im allgemeinen ist die Seidensubstanz als ein Ureid von ziemlichkomplizierter Zusammensetzung aufzufassen, d. i. als ein Körper, in welchemeinzelne Reihen oder geschlossene Ringe von verschiedener Zusammensetzungan Karbimidgruppen gekettet sind. Wie der Oxalylharnstoff durch Hydra-tierung ein Gemisch von Kohlensäure, Ammoniak und Oxalsäure liefert, sozersetzt sich Glycolylharnstoff im Sinne der Gleichung

NU—CH,

C1I 2 — NII 2

/

CO

\

NH—CO

+ 2 1I 2 0 = C0 2 + NH a + |

COOII

(Glycocoll)

und Lactylharnstoff unter Bildung von Alanin. In analoger Weise ent-stehen bei der Hydratierung des Fibroins Ammoniak, Kohlensäure einerseitsund verschiedene Amidosäuren andererseits. Schliesslich könnte sich dieHarnstoffgruppierung als Zersetzungsprodukt aus einem Atomkomplex in derArt dos Guanidins C(NH) ( NH 2 ) 2 ergeben, das beim Kochen mit BarythydratHarnstoff neben Ammoniak entstehen lassen würde.

Was den allgemeinen Gang des Hydratierungsprozesses anbelangt, soscheint er derart stattzufinden, dass alle Ketogruppen in Karboxylgruppenübergeführt werden, während der Wasserstoff des Wassers den Stickstoffund die zahlreichen Imidogruppcn in Amidoreste verwandelt. In erster Linietreten bei dem Prozess die als Glucoproteine benannten Körper auf, welche,wenn man durch niedrig gehaltene Temperatur (100°) ihre spontane Zer-setzung verhindert, eine Zusammensetzung besitzen, wie der gesamte Re-aktionsrückstand, d. i. C„II 2 „N 2 O i . Sie haben einen zuckerartigen Ge-schmack und sind im Wasser löslich, werden aber durch absoluten Alkoholgefällt und sind durchwegs kolloidal. Werden die Glucoproteine im wei-teren Verlauf der Reaktion einer höheren Temperatur (200°) unterworfen,so tritt ihre Hydratierung unter Zersetzung im Sinne folgender Glei-chung ein:

CJI 2m N 2 0 4 = C n ll 2n + ,N0 2 + C p II 2p _ ,N0 2 ,

wobei natürlicherweise n-\- p = m ist.

Die Körper C n II 2 „-^. 1 N0 2 gehören zur Gruppe der sogenannten Leucine,deren zweites Glied das bekannte Glycocoll (Amidoessigsäure C1J 2 . NH 2 .COOH) ist, und kommen unter den Zersetzungsprodukten der Seide nur als

Silbermann, Die Seide. II. 15