471
Kammerichlcuse. Kanäle in Holland und Frankreich .
Mehrung. Die günstige, fast durchgehend horizontale Gestaltung des Landes erleichtertein hohem Maße den Kanalbau. Nur bei den Einmündungsstellcn der Kanäle in dieFlüsse oder in die See wurde die Erbauung von Schleusen nötig. Die Kanäle der erstenPeriode bestehen aus Gräben von hinlänglicher Wassertiefe und besitzen eine solche Breite,daß sich zwei der größten Schisse bequem ausweichen können. Durch die Einführungregelmäßiger Verbindungen aus diesen Kanälen mittels von Pferden gezogener Trek-schniten erlangten diese Wasserwege bereits frühzeitig für den Personenverkehr beachtens-werte Bedeutung. Wie in den Vereinigten Niederlanden , so wurden auch in den öster-reichischen Niederlanden außerordentlich zahlreiche Kanalanlagen geschaffen. In dem imJahre 1643 von Tnbic angelegten Kanal von Tixmünden und Fortknoke nach Aper»wurde bei Boespnge eine Toppclschleuse zur Überwindung eines 20 Fuß hohen Gesällesangelegt, ein Bauwerk, das seiner Zeit mit Recht als ein Meisterwerk galt.
Frankreich beansprucht in der Geschichte des Kanalwesens einen hervorragendenPlatz. Die ersten Versuche auf diesem Gebiete erfolgten innerhalb der Grenzen desheutigen Frankreich zu Neros Zeiten durch Lucius Vetus, der die Säone durch einenKanal mit der Mosel verbinden wollte, um hierdurch eine Verbindung des Mittelländischen Meeres mit der Nordsee zu schaffen. Über das Anfangsstadium kam dieses Unternehmenjedoch nicht hinaus. In späterer Zeit wandte Karl der Große diesem Plan seine Auf-merksamkeit zu, wie denn auch Franz I. (1515 —1547) die Ausführung eines solchenVerbindungsweges als äußerst wünschenswert erkannte. Noch fehlte jedoch das Mittel,
* «o"
478. Schleuse mit 10 m Kudhöhe im Kanal von St. Seins.
durch welches allein die Möglichkeit der Führung eines Kanals über Berge, die 600 Fußhöher als die See lagen, gegeben wurde. Die Ausbildung der Kastenschleuse war eineunbedingte Voraussetzung der Verwirklichung eines jeden derartigen Gedankens. UnterHeinrich IV. (1589—1610) ward, vornehmlich auf Anregung des Ministers Sully, dererste Kanalbau in Frankreich thatsächlich im Jahre 1605 in Angriff genommen. Durchdenselben wurde die Verbindung zwischen der Seine und der Loire durch den Kanal vonBriare hergestellt. Der Kanal wurde jedoch erst unter Ludwig Xlll. im Jahre 1642vollendet. Im Jahre 1666 begann der Bau des berühmten Kanals clu 5I1cli. DieseAusführung war keine leichte Aufgabe. Der Kanal verbindet die Garonne mit derRhone und stellt somit eine Verbindung über Land zwischen dem Atlantischen Ozean unddem Mittelmeer her. Der Entwerfer des Kanals erkannte mit richtigem Blicke die Stellen,an welchen für die so notwendige Wasserspeisung Sorge getragen werden konnte. MittelsThalsperren wurden die erforderlichen Wasserbehälter geschaffen, und der Wasserbehältervon St. Ferriol galt noch im vorigen Jahrhundert als das größte und prächtigste Werk,das von den Neueren geschaffen worden war. Dieser Wasserbehälter besitzt ein Fassungs-vermögen von ca. 3000000 obm, ein Quantum, das den Wasserinhalt des ganzen Kanalsübersteigt. Der Kanal äu 5licU ist, wenn man von dem Stecknitzkanal absieht, das ersteWerk, das zur Verbindung zweier Flüsse geschaffen wurde, die nicht durch einen horizon-talen Wasserweg miteinander verbunden werden konnten. Mittels 74 Schleusen steigt derKanal 180 m, durch 26 Schleusen fällt er zur Garonne 56 m. Im allgemeinen wird PaulRiquet als der Schöpfer genannt. Dies trifft jedoch nur insoweit zu, als man mit diesemWorte den ausführenden Unternehmer bezeichnen will. Der geistige Urheber ist Fran;oisAndreossy (geb. 1633 zu Paris ), ein Ingenieur, dessen Name in der Geschichte desJngenieurwesens unvergessen bleiben wird.