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Die Vorstellungen der alten Griechen und Römer über die Erde als Himmelskörper / von Ludw. Oettinger
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Die Beweismittel sind, wie man sieht sehr dürftig- zur Begründung der obenaufgestellten Sätze. Vorerst ist nur ausgesprochen, dass die Erde im Osten undWesten, wo die Sonne immer auf und untergeht, und in dem Lande der Aethiopiervon dem Strome Okeanus begrenzt werde. Davon aber, dass dieser Strom dieErde ringsum begrenze, dass die Erde die Gestalt der Kreisfläche habe, dass sieeben sey, findet man bei näherer Anschauung dieser und auch noch andererStellen die noch beigebracht werden, wie II. 5, 4; 18, 239, Od. 19, 428;22, 197, die nur über Himmelserscheinungcn, Auf- und Untergang der Sonneund Sterne handeln, keine directe Aussage. Dass der Strom Okeanus die Erderingsum und in Kreisform einschliesse, wird daraus gefolgert, dass derselbe amRande des kunstreichen Schildes abgebildet ist, was durchaus nicht gerecht-fertigt ist, da ausser der Erde noch andere Gegenstände darauf abgebildet waren;dass er auch im Norden die Erde umfliessc, wird daraus von Strabo (Geogr. Lib.I. Pg. 6 Ox. Pg. 3 Cas.) erschlossen, dass das nie untergehendc Sternbild desBären, nach dem Wortlaute der eben angeführten Stelle, sich nie in seine Finthen taucht.

Es liegen nun, wie man sieht, nur Vermiithungen vor, wozu sich aller-dings Wahrscheinlichkeitsgründe gesellen welche die Richtigkeit der genanntenSätze unterstützen. Der Horizont hat die Kreisform; die Erde erscheint an leichtübersichtlichen Stellen eben. Ueber diese ersten Eindrücke hat man sich nichtwohl erhoben. Darauf deutet auch der Umstand, dass der Sonnengott bei demAufsteigen in seiner Bahn die Rinder in Sicilien erblickte, Od. 12 , 379 unddergl. Hiezu kommen noch die Aussagen der Schriftsteller des Altcrthums, dieallerdings aus späterer Zeit stammen, und wobei das Zurücktragen spätererBegriffe in frühere Zeiten möglich ist. Es ist aber nicht zu übersehen dassihnen manche Schriftsteller aus früheren Zeiten zugänglich waren, die uns ver-loren sind, und ihnen daher eine Brücke offen stand, die uns verschlossen ist.

Freilich hat cs hiebei an kühnen Sprüngen nicht gefehlt. So vermuthet z.B. Strabo (Geogr. Lib. I. Pag. 18. Ox.; 11. Cas.), wo er von der Kugel-gestalt der Erde spricht, dass schon Homer (Odys. 5, 393) dieselbe gekannthabe, weil er den mit Anstrengung spähenden Odysseus das Land in dem Augen-blick der Küste erbliken lässt, als eine steigende Welle das Schiff emportrug.Aber dergleichen Uebereilungen tragen die Widerlegung in sich selbst. Manwird daher wohl nicht irren, wenn man die oben angeführten Sätze als demhomerischen Zeitalter angehorig annimmt.