-8 Erster Theil, drittes Hauptstück,
hohe Gedanken zu Markte bringen wollen, denen es aber angenügsamer Beurtheilungskrast fehlet: da denn eineSpitzfün-digkeit, Schwulst oder GalimathiaS zu entstehen pfleget, wcl.che, so prächtig sie auch vielen scheinen, bey der Untersuchungder gesunden Vernunft im Rauch aufgehen. Ueber diese
Richtig-
oder seichtenKöpfen, welche die erforderliche Beurtheilungs-krast nicht haben, bewundert zu werden pfleget. Es ist zwarkein Blatt indem ganzen Gedichte, wo nicht 4 ,6 und mehrunrichtige Gedanken vorkommen, welche nach einer genauenUntersuchung der Critik und der gesunden Vernunft nichtStich halten, so einnehmend sie auch anfangs scheinen.Allein eben in denen Stellen, welche die meisten Bewun-dererfinden, ist fast keine Zeile, die nicht einen unrichtigenGedanken hatte. Es sind schon fast fünfIahr, als ich einst-mals in einer Gesellschaft guter Freunde, die alle großeBewunderer des Meßras waren, einem jeden dieErlaubnißgab, die schönste Stelle zu erwählen, die ich sodann nach derRichtigkeit der Gedanken beurtheilen und die Fehler zeigenwollte. So unmöglich es ihnen auch vorher schien; somußten sie doch alle hernach gestehen, daß meine Critikenvollkommen Grund hatten. Ich bin weder ein Dichter,noch begehre es zu seyn. Ich habe auch wider den HerrnKlopstock, den ich außer seinem Meßias gar nicht kenne,nicht das geringste. Er wird mir also verhoffentlich nichtzutrauen, daß mein Urtheil aus Leidenschaften herrühret.Ich bin auch so wenig tadelsüchtig, daß ich mit meinem Ur-theil gern zurück gehalten hätte, wenn ich es nicht hier vormeine Pflicht hielte, junge Leute zu warnen, daß sie sichnicht von dem äußerlichen Schein der Schönheiten einneh-men lassen, sondern auf das Gründliche und die genaueRichtigkeit der Gedanken sehen. Solch? prächtige, aberfalsche Gedanken sind wie einePest, die junge Leute deu Au-genblick anstecken: und sie dürfen nur in solchen Vorurthei-len alt werden; so ist es um das Aufnehmen der Wissen-schaften geschehen. Der Verfall des guten Geschmacksund der gesunden Vernunft bey denen Griechen und Rö-mern, hat aus eine ähnliche Art den Anfang genommen.Man wollte allzu schön schreiben: man künstelte und erhobsich über die gesunde Vernunft. Dieses fand Beyfall,und die Barbarey nahm mithin ihren Anfang.