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doch noch der Gedanke einer Thräne, die du mir zollst (so ist der Menschgeschaffen), mich zu trösten und mir zu sagen: Der arme Lionello hatein Herz gefunden, das, anstatt ihm zu fluchen, ihm eine Thräne undeinen Seufzer weiht. Josephine, süße Schwester! werde ich diese Thränevon Dir haben? Gib sie mir, Josephine, und lebe wohl! —
17. Das letzte Berbrechen.
Diese letzten Worte hatten die Zuhörer Mimo's bis in die innersteSeele bewegt. Alisa zollte Lionello nicht bloß eine Thräne, sondernschluchzte auf dem ganzen Gange von der Linde in ihr Kämmerlein, wosie sich alsbald vor ihrer lieben Madonna auf die Kniee warf und ihrwehmüthiges Weinen eine gute Weile fortsetzte, — ein Weinen der Liebeund Dankbarkeit zu Maria, die so viel Barmherzigkeit mit dem armenÄser geübt, und ihn durch eine besondere Gnade aus dem Abgrunde sovieler Irrthümer, aus der lebendigen Hölle der geheimen Gesellschaftengezogen hatte, um ihn mit mütterlicher Hand zum heiligen Bade, dasihn durch das Blut Jesu Christi rein wusch, zu führen. „O heiligeMutter!" sagte das Mädchen, „o süße Mutter, wer kann je eindringenin die tiefen und unzugänglichen Geheimnisse der Güte Gottes, die gna-dcnvoll zu allen Herzen spricht, und alle selig haben möchte und theilhaftihrer unendlichen Erbarmnisse? Wer aus sie hört und ihr das Herz öff-net, bei dem zieht sie ein und küßt und liebkost ihn, und dieser Kußwäscht ihn und reinigt ihn und umstrahlt ihn mit solchem Glänze, daß,wo vorher Finsterniß war und Schatten des Todes, nun Licht ist undparadiesische Helle. Wie stünde es jetzt mit Äser, süße Mutter, hättestDu ihn nicht angeblickt mit Deinen liebereichen Augen und hätte er nicht sofolgsam Deiner mütterlichen Einladung entsprochen? Er war auf denWegen Lionello » und wäre in denselben Abgrund gestürzt."
Während Alisa aufstand und sich die thränenfeuchten Augen trocknete,sprang die unschuldige Lodoiska herein. Wie sie Alisa weinen sah, kamsie furchtsam auf sie zu, und sagte betrübt und fast auch die Thränen inden Augen: „Alisa, was fehlt Dir? was weinst Du?"
Alisa küßte sie auf die Stirne, nahm ihren Lockenkopf zwischen ihreHände, streichelte sie und sagte: „Nichts, nichts, mein Kind! beten wirein Ave znr Madonna, und komm' dann ein wenig zum Lesen, dennheute Abend fahren wir auf den See, um zu fischen." Und die liebeLodoiska hüpfte in die Höhe und eilte mit doppelter Freude an's Lernen.