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Paul Hf.yse.
Es ist für manchen Dichter eine Versuchung, dem Leserein etwas anderes Bild von sich, als das wirkliche, mitzu-theilen. Er stellt sich gerne als das, was er zu sein wünschtedar, in früheren Tagen entweder als empfindsamer odermelancholischer, in neuerer Zeit bisweilen als. erfahrener oderkälter oder rauher, als er ist. Mehr als ein ausgezeichneterDichter scheut sich, wie Merimee oder Leconte de Lisle, sosehr seine Gefühle zur Schau zu stellen, dass er umgekehrtdahin gelangt, eine Gefühllosigkeit an den Tag zu legen, dieihm nicht ganz natürlich ist. Man setzt eine Ehre darin,erst jenseits der Schneelinie, wo das Menschliche endet, rechtfrei und leicht zu athmen, und aus Verachtung derer, diedort unten das Mitleid der Menge in Anspruch nehmen, er-liegt man der Versuchung, sich selbst zu einer Höhe empor-zuschrauben, wohin nicht der Instinct, sondern der Stolz zusteigen gebietet. Für Heyse existirt die Versuchung nicht.Er hat nie einen Augenblick sich in eine grössere Wärmeoder Kälte als die, welche er empfand, hinein schreibenkönnen oder wollen. Er hat sich nie geberdet, als ob ermit seinem Herzblut schreibe, wenn er ruhig als Künstlerformte, und er hat sich geduldig darin gefunden, dass dieKritik ihm Mangel an Wärme vorwarf. Er hat auf der andernSeite nie, wie so viele von Frankreichs vorzüglichsten Schrift-stellern, eine furchtbare oder empörende Handlung mit der-selben stoischen Ruhe und in demselben Tone berichtenkönnen, mit welchem man erzählt, wo ein Mann von Weltseine Cigarren kauft, oder wo man den besten Champagnererhält. Er strebt weder nach dem Flammenstyl der feurigenTemperamente, noch nach der Selbstbeherrschung des Welt-manns. Im Vergleich mit Swinburne scheint er kühl, undim Vergleich mit Flaubert naiv. Aber der schmale Pfad,auf welchem er wandelt, ist genau derjenige, welcher ihmvom Instincte seines Innern, von dem rein individuellen unddoch so complicirten Wesen, das seine Natur ausmacht,angewiesen wird.