Buch 
Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
Entstehung
JPEG-Download
 

Paul Heyse.

5

II.

Die Macht, der man selbst als Künstler gehorcht, wirdnothwendig die Macht, welche man in seinen Werken aufden Ehrenplatz erhebt. Daher verherrlicht Heyse als Schrift-steller die Natur. Nicht, was der Mensch denkt oder will,sondern was er von Natur ist, interessirt Heyse an ihm.Die höchste Pflicht ist für ihn, die Natur zu ehren und ihrerStimme zu folgen, die wahre Sünde ist Sünde gegen dieNatur. Man lasse sie gewähren und walten!

Es gibt darum nicht viele Schriftsteller, die so ausge-prägte Deterministen wie Heyse sind. An den freien Willenim überlieferten Sinne des Wortes glaubt er nicht, und stehtaugenscheinlich ganz ebenso skeptisch, wie sein Edwin oderFelix *, Kants kategorischem Imperativ gegenüber. Aberglaubt er auch nicht an angeborene Ideen, so glaubt er dochan den angeborenen Instinct, und dieser Instinct ist ihm heilig.Er hat in seinen Novellen geschildert, wie unglücklich sichdie Seele fühlt, wenn dieser Instinct entweder gestört oderunsicher ward. In der NovelleKenne Dich selbst ist dieIntelligenz, in derReise nach dem Glück die Moral derFriedensstörer.

In der ersteren Novelle hat Heyse die Qual dargestellt,welche aus einem zu frühen oder absichtlichen Eingreifenin das instinctive Leben der Seele hervorgeht.Jene schöneDumpfheit der Jugend, jene träumerische unbewusste Fülle,die reine Genusskraft der noch unerschöpften Sinne gingendem jungen Franz über seinem vorzeitigen Ringen nachSelbstgewissheit verloren 1 2 . Er schildert hier die Schlaf-losigkeit des Geistes, die ebenso gefährlich für die Gesundheitder Seele ist, wie wirkliche Schlaflosigkeit für das Wohldes Körpers, und zeigt, wie der Reflexionskrankejenenheimlichen dunklen Kern verliert, welcher der Kernpunktunserer Persönlichkeit ist.

1 Kinder der Welt II, 17. Im Paradiese I, 31.

2 Gesammelte Werke IV, 135.