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Moderne Geister : literarische Bildnisse aus dem 19. Jahrhundert / von Georg Brandes
Entstehung
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Paul PIeyse.

In der NovelleDie Reise nach dem Glück" ist es dieconventionelle Moral, welche durch Verdrängung des Instinctsdie Seele zersplittert hat. Ein junges Mädchen hat mit Ueber-windung ihres eigenen Herzenstriebes aus eingeprägten Sitt-lichkeitsrücksichten in später Nacht den Geliebten fortge-wiesen und ist dadurch die unschuldige Ursache seines Todesgeworden. Nun verfolgt die Erinnerung an dieses Unglücksie beständig.Wenn Einem nicht das eigene Herz denWeg weist, läuft man immer in die Irre. Ich bin schoneinmal elend geworden, weil ich nicht hören wollte, ob auchmein Herz noch so laut schrie. Jetzt will ich aufmerken,wenn es nur halblaut flüstert, und für alles Andere keinOhr haben" *.

In dem Instinct ist die ganze Natur gegenwärtig. Istnun die innere Zersplitterung, die dort eintritt, wo der Instinctseine leitende Kraft verloren hat, für Heyse das tiefste Un-glück, so besteht umgekehrt für die Charaktere, welche ermit Vorliebe schildert, das Lebensgefühl, d. h. das tiefsteGlücksgefühl, in dem Genüsse der Ganzheit und Harmonieihrer Naturen. Heyse ist natürlicherweise nicht geneigt,die Selbstreflexion ohne Weiteres als ein für das gesundeLebensgefühl feindliches Princip anzusehen. Es scheint un-gefähr seine eigene Ansicht zu sein, welche der Kranke inKenne Dich selbst mit den Worten ausspricht: ebensoangenehm, wie es ihm sei, in der Nacht aufzuwachen, sich zubesinnen und zu wissen, dass er noch weiter schlafen könne,ebenso herrlich scheine es ihm, sich aus traumhaften Gliicks-zuständen aufzuwecken, sich zu sammeln, zu reflectiren unddann sich gleichsam auf die andere Seite zu legen undweiter zu gemessen. Wenigstens hat er in seinem RomanKinder der Welt Balder, den am idealsten angelegtenCharakter des Buches, diesen letzten Gedanken noch ge-wichtvoller ausführen lassen. Schwermüthige Betrachtungensind eben ausgesprochen worden, Betrachtungen über die

G. w. V., 199.